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Tonspuren November 2008 |
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HDV Trio Helbock Dietrich Vogel
All In
David Helbock: p / Lucas Dietrich: b / Marc Vogel: dr
How Many Miles To Korea (Part 1) / How Many Miles To Korea (Part 2) / John’s Bird Escaped Out of His Cage / Mexican Colour / Monkaholic / Mythos / BBDB
Aufnahme: September 2007
Produzent: HDV Trio
Spieldauer: 56:44
Doublemoon / Sunny Moon
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Wenn der eigene Lehrer sich in seinen Liner Notes schier in Begeisterung überschlägt, dann bin ich normalerweise doppelt kritisch beim Anhören einer CD. Doch im Falle der österreichischen Band HDV Trio kann ich den New Yorker Jazzpianisten Peter Madsen gut verstehen. Dieses Trio hat enorme Qualitäten und Kapazitäten. Und – was fast noch wichtiger ist – eine gemeinsame musikalische Vision.
Madsen erzählt in seinen Liner Notes, dass er Anfang des neues Jahrtausends in Österreich lebte und den damals 16-jährigen David Helbock kennen lernte. Er beschreibt ihn als »Traum aller Lehrer«. »Jede einzelne Stunde hielt er fest, er hörte, lernte, übte, wuchs und studierte – und wuchs noch mehr.« Der Unterricht ging weit über den bloßen Kontakt mit dem Instrument hinaus. Über Philosophie und moderne klassische Klavierliteratur wurde ebenso gesprochen wie über Konzertkleidung und Tourleben. Jahre später wurde Peter Madsen erneut von David Helbock angesprochen, ob er nicht sein Trio kennen lernen und coachen wollte. Madsen sah sich hier als Katalysator, der sich an der Entwicklung des Trios freute und ihm Geschmack, Courage, Individualität und Dreistigkeit, die Parameter, die Madsens Arbeitgeber Stan Getz als Hauptbestandteile eines guten Jazzmusikers nannte, bescheinigt. Tatsächlich bilden die drei Musiker eine Einheit, die sich wie eine Amöbe in die unterschiedlichsten Richtungen ausbreitet. Sie haben das Gespür für Nuancen, die sie in den Kompositionen des Pianisten ausleben können. Sie zeigen Weitsicht, denn die Spannungsbögen verlieren sich nie in den manchmal sehr langen Formen.
Da gibt es lange geschmackvolle Bass-Soli wie zu Beginn von »Mexican Colour«, es gibt lange Songformen, die zwischen ziemlich frei und Bandunisoni hin- und herpendeln, es taucht die Stimme von Mister Robert de Niro, Christian Brückner, auf, der den Text »Silence« von John Cage zitiert. Das Klaviertrio erweitert sein Spektrum durch kleine Spielereien - Bass, Drums und vor allem das Klavier klingen manchmal überhaupt nicht nach den Instrumenten, die sie sind. So möchte man eine Zither hören, die in den Klaviersaiten angeklöppelt wird. Manchmal erwischt den Zuhörer ein Déjà Écouté (falls es dieses Pendant zu Déjà Vu überhaupt gibt). Dann arbeitet das Trio mit Zitaten oder mit sehr an bestehende Stücke angelehnten Lines. Bei »Monkaholic« leben sie ihre Liebe zu Monk aus, und es scheint, als hätten die Drei Monk inhaliert und es geschafft, seine Essenz auf dreieinhalb Minuten einzudampfen. Die spannende musikalische Reise ist sehr dynamisch und facettenreich und wird nie langweilig. Hier ist auf alle Fälle ein junges aufstrebendes Klaviertrio in den Startlöchern, das seine Kinderschuhe aber schon lange abgestreift hat.
Angela Ballhorn
Mike Taylor Remembered
Same
Tony Fisher, Greg Bowen, Henry Lowther, Ian Carr: tp, flh / Chris Pyne, David Horler: tb / Ray Premru: b-tb / Barbara Thompson: fl, alt-fl, ss / Ray Warleigh: fl, as / Stan Sulzmann: fl, as, ss / Bob Efford: oboe, ts, bassoon / Dave Gelly: bcl, cl, ts / Bunny Gould: bcl, bassoon / Peter Lemer: p, e-p, synth / Alan Branscombe: vib / Chris Laurence, Ron Mathewson: b / Jon Hiseman: dr, perc / Norma Winstone: vocal / Neil Ardley: director
Half Blue / Pendulum / I See You / Son of Red Blues - Brown Thursday / Song of Love / Folk Dance No 2 / Summer Sounds, Summer Sights / Land of Rhyme In Time / Timewind Jumping Off the Sun / Black And White Raga
Aufnahme: Juni 1973, Denis Preston’s Lansdowne Studios in Holland Park, London
Spieldauer: 45:46
Dusk Fire Records / Import
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Es gibt Musik, die den Hörer auf seine Ohren und das, was dazwischen liegt, reduziert. Man legt eine CD ein – ohne genau zu wissen, worum es sich dabei handelt –, und plötzlich realisiert man, dass die Musik einen völlig vereinnahmt. Das erste Mal machte der Rezensent diese Erfahrung im Alter von 14 Jahren beim Anhören einer Ravi-Shankar-Platte. Dieses Erlebnis wiederholte sich zuletzt mit der CD Mike Taylor Remembered. Ich hörte und staunte: Hier wechselte sich je ein Instrumentalstück mit einem Song ab. Würde ich von den Arrangements der ersteren Kategorie sagen, sie erinnerten entfernt an Gil Evans, würde dies zwar stimmen; die hier zu hörende Musik würde es allerdings nicht ansatzweise beschreiben. Der beste Vergleich ist vielleicht noch die zweite LP des New Jazz Orchestra von 1968, Le Déjeuner sur l’Herbe – nicht zuletzt, weil sich viele der Musiker überschneiden. Und Norma Winstones Gesang auf den Songs (insbesondere auf »Pendulum«) trifft genau die Stimmung, die auch Robert Wyatt oder Julie Tippetts in den 70ern zu evozieren wussten. Das ganze Album hat eine ganz eigene Akustik – es klingt einfach ganz, nun ja, eigenartig. Und (das ist noch erstaunlicher): Es ist erstmals auf Tonträger veröffentlicht – nach 34 Jahren.
Nach den 45 Minuten des ersten Hördurchgangs stellte ich fest, dass mir zwar die Namen vieler der hier Mitwirkenden geläufig waren; der der erinnerten Person war es allerdings nicht. Also machte ich mich auf die Suche nach dem Urheber dieser entrückten Musik. Eine Formulierung, auf die ich bald stieß, schien mir schon angesichts dieser höchst seltsamen und bemerkenswerten Musik Sinn zu machen. Laut dem Chef des Dusk-Fire-Labels Peter Muir wurde Taylor einmal als »the Syd Barrett of Jazz« bezeichnet. Und nicht nur die Musik, auch die Vita des Protagonisten legt diesen Vergleich nahe: Taylor veröffentlichte gerade mal zwei Alben, Pendulum (1966, Columbia) und Trio (1967, Columbia). Beide bringen als gut erhaltene Originale auf eBay heute um die 500 Euro. Während seiner Zeit in der RAF begann Taylor, sich für Jazz zu interessieren. Als sich der Pianist Anfang der 60er Jahre seine ersten Mitspieler suchte, waren dies vor allem junge Musiker der Londoner Szene wie Ginger Baker, Jack Bruce oder Graham Bond (damals noch am Altsaxofon). Zunächst spielte man im damals vorherrschenden Idiom des Hard Bop. Aber Taylor wollte mehr. Bald wurde die BBC auf sein Quartett aufmerksam. Als man ihm eine halbe Stunde auf einem der Jazz-Radioprogramme widmete, waren die Reaktionen, gerade die von Musikern, überwältigend. Eine Folge davon war, dass das Mike Taylor Quartet 1965 als Support für Ornette Coleman in England gebucht wurde. Mike Taylor schrieb aber auch Songs; fielen ihm selbst keine Texte ein, schrieben diese häufig Pete Brown oder Ginger Baker. Letzterer komponierte drei Songs mit Taylor, die schließlich auf dem Cream-Album Wheels of Fire auftauchten – »Pressed Rat And Warthog«, »Those Were the Days« und »Passing the Time«.
Zu diesem Zeitpunkt machten sich allerdings auch gravierende Veränderungen in Taylors Charakter bemerkbar. Hatte er zuvor eher wie ein Bankangestellter ausgesehen, so kleidete er sich nun immer nachlässiger, ließ sich einen Bart wachsen, wanderte ohne Schuhe durch die Straßen und sprach nur noch, wenn es unbedingt notwendig war. Kollegen vermuten, dass der Marihuana-besessene Taylor zu dieser Zeit wahrscheinlich mit LSD experimentierte. Als er seine Wohnung in Londoner Bezirk Richmond aufgab, wurde sie von seinem langjährigen Mitmusiker Jon Hiseman übernommen. Dieser fand im Mülleimer einen Haufen Manuskripte und Partituren, die Taylor zu verbrennen versucht hatte. Vieles dessen, was auf dieser CD zu hören ist, basiert auf diesem Fund. Da viele dieser Blätter nur Fragmente von Werken waren, musste die Musik von seinen Freunden und Kollegen »rekonstruiert« bzw. nachempfunden wurden. Taylor selbst war zum Zeitpunkt dieser Aufnahme bereits über vier Jahre tot. Nachdem er einige Zeit obdachlos auf den Straßen Londons gelebt hatte, ertrank Mike Taylor Anfang 1969 in der Themse – ob sein Tod Unfall oder Selbstmord war, ist offen.
Als die Aufnahmen 1973 entstanden, waren die fetten Jahre der britischen Musikindustrie vorbei. Und so fand sich niemand, der diese sperrige, aber in jedem Moment vollkommen magische Musik veröffentlichen wollte. Erstmals zu hören bekam man einen Track 2004 auf der Gilles-Peterson-Compilation Impressed, auf der der Meisterdigger ausschließlich Preziosen des britischen Jazz versammelte. Dass die Masterbänder all die Jahre einigermaßen unbeschadet überstanden haben und dass nun doch noch jemand den Mut gehabt hat, diese Aufnahmen herauszubringen, ist ein großer Gewinn.
Ralf Bei der Kellen
Musica Nuda
55/21
Petra Magoni: voc / Ferruccio Spinetti: b / Gianluca Petrella: tb (2) / Stefano Bollani: p (4, 11) / Nicola Stilo: fl, g (5) / Tony Laudadio: voc (6) / Sanseverino: g (10) / Jacques Higelin, Manu Galvin: g (15)
17 Tracks
Aufnahme: Februar – April 2008, Cascina
Spieldauer: 55:26
Blue Note / EMI
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Viel minimalistischer geht es nicht mehr. Zumindest nicht, wenn man, wie das italienische Duo Musica Nuda, die komplette Palette der Emotionen und Leidenschaften ausdrücken will. Ein Kontrabass und eine Frauenstimme – mehr brauchen Ferruccio Spinetti und Petra Magoni nicht, um mit 55/21, ihrem Label-Debüt für Blue Note, einen gewaltigen Schritt auf dem Weg vom Geheimtipp zum internationalen Erfolg zu machen. In der bewussten und gewollten Beschränkung der Besetzung wird das Konzept von Musica Nuda ebenso deutlich wie im Bandnamen: nackte Musik, die auf das Wesentliche reduziert ist und damit fast gezwungenermaßen zum Kern der ausgewählten Lieder vordringt. Die stammen, abgesehen von den Eigenkompositionen, etwa von Carlos Jobim, George Harrison, Henry Mancini, Fabrizio de André oder Jacques Brel und beweisen Geschmack und stilistische Offenheit. Trotz oder gerade wegen der sparsamen Besetzung suchen die beiden Musiker die Extreme des Ausdrucks. Vom rasenden »Bocca di rosa«, das mit Tempo und gesanglicher Virtuosität mehr als verblüfft, zu einer gefühlvoll zurückgenommenen Version von Brels bewährten »Vieux Amants« ist es auf der CD nur ein Schritt. Letztgenanntes Stück gewinnt durch den Gastauftritt des Pianisten Stefano Bollani, der zugleich der Ehemann der Sängerin ist. Überhaupt ist es ein großer Vorzug der Aufnahme, dass sich Musica Nuda nicht sklavisch dem Duo-Konzept unterwerfen, sondern sehr gezielt und effektiv bei etwa jedem dritten Titel Gastmusiker für Abwechslung und zusätzliche Farben sorgen lassen. Der Gesamteindruck bleibt dennoch der einer besonders intelligent erdachten Kammermusik zweier Könner, die eine der aufregendsten Gruppen bilden, die es derzeit zu entdecken gibt.
Guido Diesing
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