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Tonspuren November 2009 |
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Gretchen Parlato
In a Dream
Gretchen Parlato: voc / Lionel Loueke: g / Aaron Parks: p, e-p / Derrick Hodge: b, e-b / Kendrick Scott: dr
I Can’t Help It / Within Me / Butterfly / In a Dream / Doralice / Turning Into Blue / Esp / Azure / On the Other Side / Weak
Spieldauer: 47:13
Obliqsound / Soulfood
*****
Wenn Herbie Hancock und Wayne Shorter eine junge Sängerin über den grünen Klee loben, sind die Erwartungen hoch gesteckt. Zum Glück legt Gretchen Parlato mit In a Dream schon ihr zweites Album vor (auch wenn das Debüt 2005 noch im Eigenverlag erschien), sonst wäre es ja gar nicht auszuhalten, eine solche Entdeckung. Kurz gesagt: Gretchen Parlato ist eine umwerfende Sängerin. Wayne Shorter legt den Gedanken einer Geistesverwandtschaft mit Frank Sinatra nahe – und hat Recht.
Wie »The Voice« bleibt bei Gretchen Parlato die traumwandlerische Präzision von Intonation und Phrasierung verborgen. Jeder Atemzug sitzt, dazu bezaubernde Mouthpercussions und und und … – hier unterscheidet sich die in L.A. aufgewachsene Parlato von Sinatra: Ihr Sound ist brasilianisch. An die muntere Bossa-Gitarre hat sie Lionel Loueke verpflichtet; Aaron Parks wechselt gern vom Flügel an ein butterweiches Fender Rhodes; und die Musiker der Rhythmusgruppe, Derrick Hodge am akustischen bzw. elektrischen Bass und Schlagzeuger Kendrick Scott, sind auch eher als Leader eigener Bands bekannt denn als Swingbeamte. Beim Bossa-Klassiker »Doralice« (den man mindestens von der Getz/Gilberto-Zusammenarbeit kennt) wird die Sängerin von der Band lediglich mit Klatschen und Fingerschnipsen und emphatischem Jubeln begleitet. Eine angenehme Anverwandlung, die mit anderen Mitteln - aber ähnlicher Intensität - auch Stevie Wonders »I Can’t Help It« zugute kommt.
Und doch ist In a Dream kein Fall von kumpeliger »Brazilification« geworden. Das liegt zum einen an dem hohen Jazz-Anteil: »Weak« zum Beispiel, ursprünglich eine R&B-Ballade des Diven-Trios SWV, wird vom komplex brodelnden Quartett jeder Banalität enthoben. Gretchen Parlato liebt solche Verfremdungseffekte und beweist nicht nur mit Wayne Shorters »E.S.P.« und Duke Ellingtons »Azure« ein sicheres Händchen in Sachen Repertoire. Täglich erweitert sie ihr Spektrum. Nicht umsonst wurde Gretchen Parlato von Kollegen wie Esperanza Spalding, Kenny Barron, Terence Blachard und Lionel Lueke als Gast eingeladen. Der Titelsong »In a Dream« stammt gar von Robert Glasper; Parlato hat ihn mit feinfühligen Lyrics versehen, die sie zart bis zum Verschwinden in die Tonlosigkeit intoniert. Von dem Jungmädchen-Charme darf man sich bezaubern lassen. Aber nicht vergessen: Dahinter verbirgt sich eine Vokal-Künstlerin vom Format Frank Sinatras.
Tobias Richtsteig
Pawel Kaczmarczyk Audiofeeling Band
Complexity In Simplicity
Pawel Kaczmarczyk: p / Radek Nowicki: ss, ts / Tomasz Grzegorski: ts, bcl / Grzech Piotrowski: ss / Lukasz Poprawski: as / Jerzy Malek: tp / Rafael Sarnecki: g / Wojciech Pulcyn, Michael Baranski: b / Lukasz Zyta, Pawel Dobrowolski: dr / Bogusz Wekka: perc
11 Tracks
Aufnahme: Januar 2009, Polen
Spieldauer: 61:34
ACT / edelkultur
****
Nicht erst seit Marcin Wasilewski und Leszek Mozdzer weiß man, dass man bei unseren östlichen Nachbarn pianistische Entdeckungen machen kann. Mit Pawel Kaczmarczyk betritt jetzt ein polnischer Pianist die internationale Szene, der nicht nur durch sein Klavierspiel, sondern vor allem durch seine ungemein vielfältige Musik auf sich aufmerksam macht. Mit seiner Audiofeeling Band hat er fast eine kleine Big Band zusammengestellt, aber alle Musiker, die oben aufgelistet sind, sind niemals zusammen zu hören.
Schon der Opener »Logan« ist eine Überraschung. Es schnarrt eine Bassklarinette bedrohlich und lockt einen auf eine falsche Fährte, denn schon wenig später verwandelt sich die Nummer in eine muntere Jagd über Stock und Stein, in der zwar Radek Nowickis Tenor vordergründig dominiert, doch die Musik in Wahrheit durch den geschickt nach vorne gemischten Bass von Michael Baranski vorangetrieben wird - Schlagzeug und Percussion tun ein Übriges und lassen das Stück ächzen, stöhnen und seufzen. Tief im Blues verwurzelt ist »Catch More Chicks«, das an einige der schwärzesten Nummern von Yusef Lateef erinnert. Hier werden gleich drei Bläser kongenial in Beziehung gesetzt, und wieder ist es Baranskis agiler Bass, der die Nummer so unwiderstehlich macht. Vielfalt der Klangfarben, originell und einfallsreich in Szene gesetzt, dazu mit der »Elegy To Esbjörn Svensson« eine bewegende Ballade - da verzeiht man sogar das Elton-John-Cover »Blue Eyes«, mit dem Kaczmarczyk haarscharf am Kitsch vorbeischrammt.
Rolf Thomas
Stinkefinger
Os Mutantes sind eine der einflussreichsten Bands Brasiliens – Wegbegleiter der Tropicalistas und ikonoklastische Radikalisierer des Pop-Sounds im Schatten der Militärdiktatur. Für ein paar Jahre und sechs Alben (von denen fünf veröffentlicht wurden) waren sie mit ihrem Bekenntnis zu US-Popmusik und psychedelischem wie hippieskem Breitwand-Pop Brasiliens Beatles und Stones gleichzeitig, ohne freilich vergleichbaren kommerziellen Erfolg zu haben.
1972 verließ Rita Lee die Band, 1973 zollte Bassist Arnaldo Baptista den Tribut für oppositionelle exponierte Sichtbarkeit und Drogen-Paranoia. Er wurde für verrückt erklärt und weggesperrt, ein panischer Sprung aus dem Anstaltsgebäude resultierte in einem sechsmonatigen Koma. Sein Bruder Sérgio Dias hielt die in Wahrheit längst disintegrierte Band bis 1978 zusammen und meldete sich solo nur sporadisch zurück.
Die von den Beach Boys wie den Beatles inspirierten Klangkaskaden der »Mutanten« blieben psychedelischer Geheimtipp für Hipster wie David Byrne (der den Backkatalog re-releaste), Beck, Kurt Cobain, Devendra Banhart und Scott Herren, die ihre Kopie wohl bei »Other Music« gekauft haben mögen. 2006 kam es sensationellerweise zu einer Wiedervereinigung der Brüder Baptista im Londoner Barbican Centre, wobei Rita Lee von der fantastischen Zélia Duncan ersetzt wurde. Die Idylle währte nicht lange, noch bevor ein neues Album produziert werden konnte, stiegen Arnaldo und Duncan schon wieder aus, Sergio blieb als Einziger übrig - entschlossen, »den Riesen nicht wieder einschlafen« zu lassen.
Das Ergebnis seiner Anstrengungen liegt nun vor - und wer könnte bei diesem Getöse schlafen? Sergio Dias hat wahrhaftig alle Register der Studiokunst gezogen, einen Mutantes-Sound rekreiert, der zwar in seiner Pracht und Üppigkeit den Nachlass der Erstkarriere verwaltet, aber dank professioneller Studiotechnik eben noch ein ganzes Ende beeindruckender und hochglänzender klingt. Mächtig Fuzz und weniger Blubberhall, Varieté-Stimmungen, tropicalische Ohrwürmer; und besonders lustig: ein verbissener (von den Cubanos Postizos nicht weit entfernter) Son, in dem Sergio die brasilianische Regierung beschimpft, als würde er neben Fidel auf dem Balkon stehen. Zusätzlich zeigt er dem Establishment mit seinen »Hymns of the World« einen grimmigen Rotarmisten-Stinkefinger. Sergio Dias Baptista ist in seiner zweiten Karriere ein ganzes Stück sarkastischer, härter, sogar bitterer als der Optimist mit Pete-Townsend-Frisur aus den turbulenten und gefährlichen Jahren 1966–69, unversöhnt mit einer brutalen Vergangenheit, aber kreativ auf der Höhe.
Hört man dagegen Rita Lees jüngstes Live-Album, entfaltet sich eine signifikante Kehrseite. Als erste vom im politisch-mentalen Chaos versinkenden Bandwagen abgesprungen (oder, je nach Version, abgeworfen), ist sie die Einzige, die nach Os Mutantes eine erfolgreiche Karriere hatte. Sie flüchtete sich in die Innerlichkeit und politische Harmlosigkeit bzw. Affirmation (wobei die gesungene Absage an Drogenkonsum nicht einer gewissen Sinnfälligkeit entbehrt). Außer ungefähr einer Platte pro Jahr bringt sie es auf einige Kinderbücher, Film- und TV-Rollen und eine eigene Talkshow. Mit einer Mutantes-Reunion wollte sie nichts zu tun haben, und ihr aktueller Live-Mitschnitt zeigt, wie weit sie sich von der Musik ihres Karrierebeginns entfernt hat. Es ist musikalisch vergleichbar mit einer Show mit Marianne Rosenberg minus Queer-Faktor, aber mit Beatles Cover (»I Wanna Hold Your Hand«), wobei Gitarren- und Keyboardsound offenbar vom Abba-Musical »Mamma Mia« und Mittachtziger-Italo-Pop beeinflusst sind. Denkwürdige Karrieren, filmreife Karrieren. Den Soundtrack schreibt hoffentlich Sergio.
Eric Mandel
Os Mutantes
Haih ... ou Amortecedor ...
Anti / SPV
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Rita Lee
Multishow Ao Vivo
Discmedi / Blau
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