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Tonspuren Oktober 2009 |
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Die Enttäuschung
Rudi Mahall: bcl / Axel Dörner: tp / Jan Roder: b / Uli Jenessen: dr
Rocket In the Pocket / Tja / Uotenniw / Wiener Schnitzel / Salty Dog / For Quarts Only / Tinnef / Tu es nicht / Nasses Handtuch / Tatsächlich / Rumba Brutal / Hopfen / Schienenersatzverkehr / Bruno
Aufnahme: Berlin 2009
Intakt
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Kein Alexander von Schlippenbach dieses Mal, kein Klavier, auch kein Monk. Enttäuscht? Aber da muss ich doch sehr bitten! Sicher, das gigantische Drei-CD-Werk Monks Casino dürfte – nicht nur für die Berliner Band – auf lange Zeit unüberbietbar bleiben. Aber wirkliche Aficionados schätzen ihre Enttäuschung durchaus auch puro, das heißt im vorliegenden Falle: beim ungestörten Exekutieren ihrer eigenen Kompositionen, die dem Quartett genau so gut stehen wie Monks schiefes Hütchen. Jedes Mitglied ist hier auch als Autor aktiv, sie alle teilen, mit einer weltoffenen Ausnahme, offenbar nach wie vor einen gewissen Neuköllner Hinterhof-Humor, und schon die Stücktitel offenbaren schonungslos den Charakter der Verfasser. Rudi Mahall sinniert über Schienenersatzverkehr und nasse Handtücher, Dörners Beiträge zur Konversation sind lakonisch: »Tinnef«, »Tatsächlich« - oder auch »Tja«. Alles klar? Und was soll über die Musik nun groß erzählt werden. Entweder, man beschreibt jeden einzelnen Moment, der der Beschreibung wert wäre, und das wäre genug Stoff für eine holistische Abschlussarbeit an der Jatz-Akademie. Oder wir bringen es in einem Satz auf den Punkt: Die Band feiert die Mannigfaltigkeiten des quadrierten Dialoges, die Würde der letzten großen Periode vor der Eklektisierung und Elektrisierung des Jazz. Keine benennbare Qualität der Musik wurde nach, sagen wir, 1965 entwickelt, und doch besteht kein Zweifel, dass sie direkt aus dem Hier und Heute kommt. Speziell Axel Dörners Gratwanderung zwischen Geräuschmusik und glasklarer Bebop-Linienführung mit einem Extra-Anteil grimmiger Kaputtness im Ton erinnert daran, in was für einer Scheißwelt wir leben, in der die Till Brönners dieser Welt in schicken Autos rumfahren, während Dörner nach wie vor mit der BVG zum Auftritt juckelt. Für Humanisten ist die Enttäuschung eine ebensolche. Aber für Musikfreunde liegt in ihrer Armut der ganze Reichtum, in ihrem Bauch der Intellekt, in ihrer Antimodernität eine Utopie, in ihrem Opfer Erhabenheit, im Klamauk bitterer Ernst; und genau deswegen liegt in der Enttäuschung die Erfüllung.
Eric Mandel
Pascal Comelade
A Freak Serenade
A Freak Serenade / The Return of Lux Interior the Magician / Un Cigaret A L’estatua D’en Gardel / Two Maniaco-Depressive Beatnicks Squabbling Over a Jane Russell Mozarella’s Stereokini / Perque Full / El Misteri del Triangle del Vermut / Ramblin’ Rose / Strip-Tease de Mosques en Patinet / Three-Eyed Hot Dog Belly Dance / Europe Change Bad / L’enterrament de les Sardines / Sans Les Mains / The Beat Don’t Make the Monk / Valse Burlesco
Spieldauer: 44:48
Discograph / Al!ve
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Pascal Comelade ist etwas für die besonderen Stunden. Nicht dass seine Alben sich in den zurückliegenden 20 Jahren auffällig verändert hätten, und doch freut man sich auf jeden neuen Strauß seiner kauzigen Melodien. So erfüllt auch A Freak Serenade wieder alle Erwartungen, die man an den humorlosesten Humoristen der mediterranen Musikszene richten darf. Allerdings gibt es auch einige überraschende Momente auf dem neuen Karussell von Spielzeuginstrumenten und Alltagsklängen, auf das uns der schrullige Baske einlädt. Im Vergleich zu seinen bisherigen Alben wirken die meisten Songs erstaunlich fertig und ausformuliert. Sie haben das Torsohafte abgelegt, das seinen meisten Streichen eigen war. Der Opener allein hat eine Länge von fünfeinhalb Minuten, für Comelade ein fast sinfonisches Format. Er kommt auch nicht mehr ganz so weltfremd und verträumt rüber, wie man das kennt. So verblüfft er auch mal mit jaulenden E-Gitarren oder offensiven Beats. Pascal Comelade, der sich im ewigen Gestern recht gut eingerichtet oder besser gesagt verschanzt hatte, scheint in der Gegenwart angekommen und sich da auch ganz wohl zu fühlen. Seine Songs nehmen daran keinen Schaden.
Wolf Kampmann
Roy Nathanson Sotto Voce
Subway Moon
Curtis Fowlkes: tb, voc / Brad Jones: b / Tim Kiah: voc, b / Roy Nathanson: as, ss, voc / Sam Bardfield: viol / Napoleon Maddox: human beatbox, voc / Bill Ware: vib, voc, org / Hugo Dwyer: keyb sampler / Sean Sonderegger: ts, fl / Marcus Rojas: tuba / Gabriel Nathanson: tp (1)
10 Tracks
Aufnahme: Systems Two, Brooklyn
Produzent: Hugo Dwyer
Spieldauer: 55:00
Yellowbird Records / edelkultur
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»Take the Q-Train« wäre ein passender, aber vielleicht allzu naheliegender Titel gewesen: Roy Nathansons neue CD mit seiner Band Sotto Voce ist auf den täglichen U-Bahn-Fahrten des Saxofonisten mit der Linie Q von seiner Wohnung in Brooklyn nach Manhattan entstanden, wo er junge Musiker unterrichtet. Für einen wachen Geist wie Nathanson, der stilistische Vielfalt ebenso schätzt wie konzeptionell gebundene Projekte, ist das U-Bahn-Szenario eine perfekte Kompositionsgrundlage: Eine einheitliche Stimmung ist hier nicht gefragt, ja verbietet sich geradezu. Keine Station ist wie die andere, die Mitfahrer wechseln, doch es bleibt der immer gleiche Zug, der nicht nur die Menschen, sondern auch ihre Gedanken und Reflexionen an andere Orte transportiert. Es lassen sich fast ohne Beschränkung Geschichten erzählen und Stimmungen aufbauen, ohne sich an traditionellen Songformen orientieren zu müssen. So funktioniert Subway Moon wie ein innerer Monolog der Mitfahrer, greift Beobachtungen und Gehörtes auf und changiert zwischen Vergnügen (etwa in »Party«) und Paranoia. Zu den beeindruckendsten Stücken zählt »Orange Alert«, das Misstrauen und Terrorängste anspricht und nach komponierten und kollektiv improvisierten Teilen mit einem in die Musik einfallenden Chor endet, der durchkonjugiert: »I have a bomb, you have a bomb, he has a bomb, they have a bomb.«
Die in die Musik eingearbeiteten Rezitationspassagen von Nathansons assoziativer Lyrik wecken Erinnerungen an Charles Mingus oder die Beat-Poeten der 1960er, und tatsächlich finden sich unter den verwendeten Samples Zitate von Allen Ginsberg, einem der Vorbilder Nathansons als Dichter. Geräusche und Klänge der U-Bahn mischen sich unter Swingendes und Avantgardistisches. Vieles in den Kompositionen ruft andere Projekte des Saxofonisten aus Vergangenheit und Gegenwart ins Gedächtnis, seien es die Lounge Lizards oder die Jazz Passengers. Nicht nur der bewährte Weggefährte Curtis Fowlkes an der Posaune sorgt hier für Kontinuität. Bemerkenswert sind die Beiträge von Napoleon Maddox, der immer wieder vergessen lässt, dass hier kein Schlagzeuger, sondern eine Human Beatbox den Beat am Laufen (und den Zug am Fahren) hält. Mit Subway Moon gelingt es Roy Nathanson eindrucksvoll, seine Talente als Musiker, Dichter, Performance-Künstler und Darsteller in einem Projekt zu bündeln.
Guido Diesing
Lebensreise
Die WDR-Bigband hat sich in den letzten Jahren als Begleiter von den verschiedensten Jazzgrößen einen Namen gemacht, mittlerweile sind CDs mit Bill Evans, Cecile Verny, Joe Zawinul und eben ganz aktuell mit dem Pianisten Abdullah Ibrahim erschienen. Nach Bigband klingt der Einstieg der CD allerdings nicht, denn man hört als wunderbare Einleitung »nur« Abdullah Ibrahims Klavier auf »Green Kalahari«, bevor die komplette Band bei »Song For Sathima« dazukommt. »Green Kalahari« ist ein komplett im Studio improvisiertes Stück, das er nicht noch einmal so spielen könne, so Ibrahim. Es sei einer Landschaft am nördlichen Kap von Südafrika gewidmet, wo er sich eine Farm gekauft habe. Überhaupt: Südafrika. Auch Abdullah Ibrahims Bigband-Erfahrungen haben eine lange Geschichte, schließlich begann seine Laufbahn als Pianist in einer Bigband. »Meinen ersten Auftritt in Kapstadt absolvierte ich auf der Scheide von der Swing- zur Bebop-Ära, in einer Band namens Tuxedo Slickers. Wir spielten amerikanische Arrangements, aber auch traditionelle afrikanische Musik.« Die Energie der Bigband sei in seinem Spiel immer enthalten gewesen, und er sei glücklich, dass der Arrangeur Steve Gray es geschafft habe, die Linien seines Solospiels aufzugreifen und in diesen Bigband-Kontext zurückzuversetzen.
Dem im September verstorbenen Steve Gray ist dieses Album dann auch gewidmet. Bombella ist keine reine Jazz-CD, sie ist teils klassisch durchkomponiert, es wird viel mit den Klangfarben einer so großen Besetzung gearbeitet; und es ist ganz sicher nicht erkenntlich, dass die CD eine Pianisten-CD ist, denn der Pianist hält sich im Vergleich zum Komponisten Abdullah Ibrahim sehr zurück, was dem Zuhörer einen völlig neuen Blick- oder besser Hörwinkel auf dessen musikalischen Kosmos gibt. Auch die einzige Fremdkomposition, »I Mean You« von Thelonious Monk, passt klanglich perfekt zu den neun anderen Stücken der CD. Bombella ist eine Rückschau und zugleich ein Ausblick – Bombella ist der Zug, der Minenarbeiter in Südafrika transportierte. »Ich reiste immer vierte Klasse mit den Fremdarbeitern - und die vierte Klasse war am Kopf des Zuges, denn dort schluckte man den ganzen Qualm und die Glut. Die Bedeutung des Zuges war immens, denn er symbolisierte alle Klassen Südafrikas.« Der epochale Pianist und Komponist feiert am 9. Oktober seinen 75. Geburtstag, und die CD dürfte ein Geschenk an sich selber, aber auch an alle Fans sein.
Angela Ballhorn
Abdullah Ibrahim & WDR Bigband Cologne
Bombella (Gold Train – South Africa)
Abdullah Ibrahim: p / WDR Bigband Köln, arr. & cond: Steve Gray
Green Kalahari / Song For Sathima / Mandela / District Six / Bombella / Meditation - Joan Capetown Flower / I Mean You – For Monk / For Laurence Brown / African River
Aufnahme: April 2008
Produzenten: Joachim Becker, Lucas Schmid
Spieldauer: 74:31
Intuition / Sunny Moon
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