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Samstag, 4. Februar 2012

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Tonspuren September+Oktober 2010 E-Mail
The Marsalis FamilyTonspuren
Music Redeems
Ellis Marsalis II, Billy Taylor, Harry Connick Jr.: p / Branford Marsalis: sax / Wynton Marsalis: tp / Delfeayo Marsalis: tb / Jason Marsalis: dr, vib, whistling / Eric Revis: b / Herlin Riley: dr / Ellis Marsalis III: spoken words
Donna Lee / Monkey Puzzle / After / Syndrome / Sweet Georgia Brown / Teo / The Man And the Ocean / At the House In Da Pocket / The 2nd Line
Aufnahme: Juni 2009, Washington
Spieldauer: 68:17
Marsalis Music / Universal
***(*)
So richtig bekannt wurde Ellis Marsalis, der Pianist - der, um US-Formalien zu genügen, eigentlich Ellis Marsalis II heißt - erst, als seine Söhne Branford und Wynton durch ihr Engagement bei Art Blakeys Jazz Messengers Weltruhm erlangten. Dabei ist er nicht nur ein mehr als solider Mainstream-Pianist, sondern hat durch seine Tätigkeit als Jazzlehrer heutige Weltstars wie Terence Blanchard, Harry Connick Jr. und Nicholas Payton ausgebildet. Zurzeit wird in seiner Heimatstadt das Ellis Marsalis Music Center errichtet, und alle Einnahmen aus dem Verkauf dieses Albums kommen dem zugute.

Doch natürlich werden sich auch ohne diesen karitativen Hintergrund genug Musikfans finden, die das allzu seltene Vergnügen des Zusammentreffens der (fast) kompletten Marsalis-Familie hören wollen. Und das mit guten Gründen. Wynton und Branford endlich mal wieder zusammen zu hören, ist aufregend genug, das aber auch noch in einem Stück wie »Monkey Puzzle«, das der Jazz-Schlagzeuger James Black einst für Ellis Marsalis’ gleichnamige LP aus dem Jahr 1963 geschrieben hat und das immerhin so komplex ist, dass Harry Connick Jr. es vor zehn Jahren noch nicht hingekriegt hat, ist ein herrliches Vergnügen. Und dann sind da noch die Künste des »Nesthäkchens« Jason Marsalis, der immerhin auch schon 33 Jahre alt ist und von seinen Brüdern über den grünen Klee gepriesen wird. Er spielt nicht nur hervorragend Schlagzeug und prima Vibrafon, er ergeht sich im Opener »Donna Lee« auch noch in einem gepfiffenen Duell mit Bruder Wynton an der Trompete, das in einem unglaublich rasanten Unisono gipfelt. Nebenbei lernt man auch noch den Posaunisten Delfeayo näher kennen und hört vielleicht zum ersten Mal überhaupt etwas von Ellis Marsalis III, dem Schriftsteller, der hier sein Gedicht »The Man And the Ocean« vorträgt.
Rolf Thomas

Nullsummenspiel

Oval
O
Markus Popp: prod., g, dr, computer
CD1: 20 Tracks
CD2: 50 Tracks
Thrill Jockey / Rough Trade ****(*)

Markus Popp geht zurück auf null, dafür steht der perfekte Kreis auf dem Cover (nicht etwa für das »O« in oval), den Neuanfang, Ground Zero. Der Unterschied zum bisherigen Werk liegt dabei, wie bei konzeptuellen Musiker üblich, im Konzept. Hat sich der Berliner Musiker bisher gern die soundprozessierende Software selbst geschrieben, ging er dieses Mal mit den handelsüblichen Mitteln zu Werke: einem PC mit einer Handvoll Sounds und Plug-ins, alles von der Stange. Nun wäre es interessant gewesen, was ein Gegendenker wie Popp mit abgenutzten Werkzeugen wie dem Sequencer-Programm Reason, digitalen Effekten und NI-Synthesizer-Emulationen anfangen würde. Aber darum geht es nicht, und insofern führt einen die ganze schöne Produktinfo gehörig in die Irre.

Das Hauptinstrument dieser Doppel-CD ist die Gitarre. Kein Track ohne Saitenklang, kein Saitenklang ohne geduldige Soundforschung, die Popp im Vorfeld betrieben hat, in anderen Worten: üben, üben, üben. DAS ist das Pfund, mit dem O wuchern kann - und vielleicht das unterschwellige Thema der Arbeit: die beängstigende Kontrolle über Mikroereignisse, einmal im Moment des Anschlags (zupfen, streicheln, in Schwingung versetzen) und ad infinitum im Bereich der gar nicht so unbegrenzten Plug-in-Möglichkeiten. In einigen Nummern kommt ein Schlagzeug zum Einsatz, auch hier wurde kräftig prozessiert, es klingt und fungiert weniger wie ein Schlagzeug als ein von Popp geschriebenes Schlagzeug-Programm.

Insofern lässt sich O also sehr gut mit dem bisherigen Oval-Oeuvre in Verbindung bringen, zum Beispiel erinnern die Drum&Gitarre-Passagen an seine Tortoise-Mixe, die digitalen Störanfälligkeiten seiner Stücke an das, was sich dann später als Clicks & Cuts bezeichnen ließ. Auf CD 1 finden sich zunächst 20 etwas längere Stücke, auf denen Raum für strukturelle Entfaltung hauptsächlich (frei-)tonaler Ereignisse ist, stellen sie sich Derek Bailey in Zeitlupe vor, und addieren sie etwas nerdige Postproduktion. Das mitunter einbrechende Schlagzeug dient sich diesen mit Wiederholung und Variation spielenden Motivzellen nicht an - es schlägt dagegen, ohne je den eigenen Groove zu verlieren, und überquert nur gelegentlich die Schwelle zum gefälligen, Angenehmen, das der Musik wie ein dünner karminroter Faden innewohnt und an dem sich die Arrangements ihrerseits in einer Mischung aus Fließen und Verharren abarbeiten. CD 2 dagegen versammelt die »Klingeltöne« (Popp) - und hier würde sogar ich (der ich meinen »Klingelton« in einer Toilette selbst eingeschrien habe und seitdem völlig zufrieden bin) einen Kauf erwägen. Die durchschnittliche Abschnittslänge liegt bei einer Minute: Alles, was bisher gesagt wurde, findet sich hier gewissermaßen auf engsten Raum zusammengefaltet, lässt dabei immer noch eine Menge Luft. Allerdings wären längere Pausen zwischen den Stücken wünschenswert gewesen. Bei gleicher Soundcharakteristik (scharf, mittig, plastisch) verhalten sie sich zum Progrock der ersten CD wie kurze Poppsongs (minus Schlagzeug) - wobei das natürlich alles im Kontext der Ovalen Welt zu betrachten ist.
Eric Mandel

Ruheloser Träumer

Mein Gott, kommt denn dieser John Zorn nie zur Ruhe? Vier neue Alben beschert uns dieses Hyperactive Kid in diesen Wochen, doch Quantität ist in diesem Fall nicht gleichbedeutend mit Qualität. Beginnen wir die Pyramide von oben.

Mit seinem Sextett Dreamers, einer Weiterführung von Electric Masada, schreibt er unter dem Titel Ipos ein weiteres Kapitel seines Book of Angels, das eine Art fortgesetzter externer Geschichte von Masada ist. Doch der Masada-Kontext ist hier völlig unerheblich, denn Ipos ist vor allem eine starke Performance von Marc Ribot. Greg Cohen, Kenny Wollesen, Jamie Saft, Joey Baron und Cyro Baptista breiten einen flauschigen Exotica-Teppich aus, auf dem Ribot seine besten Surf-Soli seit Ikue Moris Painted Desert – damals im Duett mit Robert Quine – abschießen kann. Trotz aller spielerischen Wucht wirkt die CD zu keinem Zeitpunkt überladen. Im Gegenteil, gäbe es in der Musik eine Formel vom goldenen Schnitt, hier käme sie zur Anwendung. Ausgewogener kann man in der Wahl seiner Mittel wahrlich nicht sein. Auf Ipos geht es Zorn, der spielerisch in dieser Band außen vor bleibt, nicht um Tiefgang, sondern ausschließlich um Entertainment. Dieses wunderbare Lounge-Vergnügen ist ein unaufdringliches, aber umso nachhaltigeres Meisterwerk.

Late Works ist die Fortsetzung von Zorns Stelldichein mit seinem alten Buddy Fred Frith, das vor gut 30 Jahren in Projekten wie Cobra oder den Golden Palominos begann und mit Naked City seinen Höhepunkt fand. Wie ein Feierabend-Album zweier Alt-Avantgardisten wirken diese späten Arbeiten jedoch keineswegs. Auf Altsax und Gitarre geben beide Vollgas. Sie brauchen keine Rhythmusgruppe, um trotzdem das Gefühl einer kompletten Band zu vermitteln. Obwohl frei improvisiert, sind alle Stücke kurz und zugänglich, wenn auch vorübergehend böse und gemein. Die Musik ist mit viel Liebe zum gestalterischen Detail modelliert, so dass trotz gelegentlichen Quietschens und Rumpelns niemals Überdruss oder Langeweile aufkommen könnte. Die Stücke durchlaufen eine Reihe musikalischer Aggregatzustände und bringen den Hörer abwechselnd zum Schwitzen und Bibbern.

Auf Dictée / Liber Novus kehrt Zorn zu seinen alten, monothematischen Erzählungen wie Godard oder Spillane und damit eigentlich zu seiner Kernkompetenz zurück. Zwei Kompositionen, in denen der Meister – umgeben von seinen üblichen Verdächtigen – Texte von Theresa Hak-Kyung Cha und C.G. Jung vorträgt und musikalisch untermalt. Waren seine Versuche, sich der neuen Musik anzunähern, schon immer etwas problematisch, weisen auch diese beiden längeren Kompositionen ein paar Schwachstellen auf. Die Montage-Technik, die Zorn in den Achtzigern so grandios beherrschte, wirkt hier manchmal etwas programmatisch und aufgesetzt. Zorn schafft es nicht, aus der Musik heraus Bilder zu imaginieren. Es gibt durchaus inspirierte Momente, doch die Klangklischees, auf die er zurückgreift, sind einen Hauch zu konventionell, die Brüche keineswegs logisch. Des Donnergrollens, Türenquietschens und Grunzens ist es dann doch ein bisschen zu viel. Diesem billigen Grusel fehlt es an innerer Leuchtkraft und Magie. Besonders peinlich wird es, wenn Herr Zorn in Liber Novus auf Deutsch zu rezitieren beginnt. Da setzt er sich selbst Grenzen, die er ausnahmsweise nicht zu überschreiten in der Lage ist. Dieser Schritt zurück geht tatsächlich nach hinten los.

Zorn ist ja nicht der einzige Künstler, der sich auf seine alten Tage in Mystik flüchtet. Freilich ist er noch nicht wirklich alt, doch gemessen an seinem Output müsste er bereits mindestens 150 sein. Auf In Search of the Miraculous, eingespielt in einer ähnlichen Konstellation wie The Dreamers, nur ohne Gitarre, begibt er sich auf eine ziellose Suche nach Geheimnissen. Was ihm auf Ipos mit Leichtigkeit gelingt, schlägt hier völlig fehl. Als Hörer fühlt man sich in einer Endlosschleife gefangen. Spätestens nach dem dritten Track fragt man sich, ob man nicht zufällig die Wiederholungsfunktion programmiert hat. Ewige Mäander und Ornamente von Vibrafon und Klavier machen das Album zur Geduldsprobe. Da hat es John Zorn mit seinem Mut zur Trivialität gehörig übertrieben. Für den Rest des Jahres kündigt er pro Monat ein weiteres Album an. Muss das wirklich sein? Zorn ist ein echter Klanzauberer und sollte so viel Mittelmaß wirklich nicht zulassen.
Wolf Kampmann

The Dreamers
Ipos: The Book of Angels Vol. 14
Tzadik / Sunny Moon
*****
Fred Frith & John Zorn
Late Works
Tzadik / Sunny Moon
****
John Zorn
Dictée / Liber Novus
Tzadik / Sunny Moon
***
John Zorn
In Search of the Miraculous
Tzadik / Sunny Moon
**