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Donnerstag, 9. September 2010

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Tonspuren September 2009 E-Mail
Archie Shepp
Phat Jam in Milano
Archie Shepp: ts, voc / Napoleon Maddox: Rap, Beatbox / Oliver Lake: as / Joe Fonda: b / Hamid Drake: dr / Cochema Gastelum: sax
Dig / Ill Biz / Kashmir / The Life We Chose / Revolution / Casket / Ill Biz Radio Edit
Spieldauer: 60:48
Dawn of Freedom / Harmonia Mundi
****(*)
Wer in den vergangenen Jahren das Vergnügen hatte, Archie Shepp auf der Bühnen erleben zu dürfen, konnte bemerken, dass Shepp – mittlerweile ja auch schon 72 Jahre alt – gelernt hat, seine Kräfte bewusst einzusetzen, um seine künstlerische Neugier weiterhin mit diversen Projekt-Konstellationen befriedigen zu können. Mal musiziert er mit marokkanischen Gnawa-Musikern, mal präsentiert er eine hoch talentierte Sängerin wie Mina Agossi. Shepp selbst ist immer präsent, aber spart seine Kraft, wenn er die Bühne teilt und damit zugleich anderen Musikern eine Plattform bietet, um gemeinsam »Black Art Music« zu spielen.

Dieser bärenstarke Konzertmitschnitt vom November 2007 präsentiert allerdings ein ganz besonderes Projekt. Archie Shepp erinnert daran, dass Rap eine weit zurückreichende Tradition besitzt und darüber hinaus eine inhaltliche politische Relevanz besitzt, die ihm heutzutage vor allzu viel »Blingbling« verloren gegangen zu sein scheint. Bei einigen Konzerten 2007 hatte er Jalal von den Last Poets dabei, hier wird er dabei vom Rapper und Human Beatbox Napoleon Maddox unterstützt, der hierzulande auch schon mit Roy Nathanson unterwegs war. Dass Shepp die Sache mit dem CNN der Black Community sehr ernst ist, zeigt sich darin, dass es den wütenden Anti-George-Bush-Rap (dessen kriminelle Energie offenbar diejenige des »Son of a Bush« deutlich übertraf!) auch als Radio Edit gibt, der auch durchaus Hitqualitäten besitzt (wenngleich nicht auf MTV). Ansonsten ist die Besetzung natürlich ein Traum: Drei Saxofonisten, die sich ausgedehnte Battles liefern und komplex verschränkten Melodielinien kommunizieren, und dazu eine Rhythmusgruppe der Extraklasse, die dann und wann auch noch von Maddox ergänzt und unterstützt wird. Dazu singt Shepp beim 13-minütigen »Revolution« davon, wie es war, als die Afroamerikaner beim Musizieren allein auf ihren Körper zurückgreifen konnten, weil sie keine Instrumente hatten. An dieser Stelle erwähnt er live gerne, dass seine eigene Großmutter noch als Sklavin geboren wurde. Sehr schön und in dieser Hinsicht stimmig ist auch die Erinnerung an W.C. Handy gleich zu Beginn dieses sehr inspirierten, offenbar von bester Laune geprägten und ausgesprochen funky Konzertabends. Und dass Musiker dieses Kalibers sich über Led Zeppelins »Kashmir« hermachen, hört man auch nicht alle Tage. Archie Shepp steht übrigens 2009 wieder auf der Gästeliste des Enjoy-Jazz-Festivals - vielleicht klappt es ja sogar in dieser Besetzung.
Ulrich Kriest

John Surman
Brewster’s Rooster
John Surman: saxes / John Abercrombie: g / Drew Gress: d-b / Jack DeJohnette: dr
9 Tracks
Spieldauer: 64:48
ECM / Universal
****(*)
Der Brite John Surman ist außerhalb des Jazz-Zirkus ein stiller Zeitgenosse. Steigt er aber in den Ring, sind er und sein Saxofon-Spiel unüberhörbar. Auch dann, wenn er scheinbar traumversunken meditiert und dabei auf lyrische Wunderminen stößt. Weil Surman jedoch nie ein Mann für eine Tonart war, kommt es seit nunmehr 40 Jahren immer auch zu erstaunlichen Reizflutungen und Harmonie-Stauchungen. So wie jetzt bei seinem Wiedersehen mit Gitarrist John Abercrombie und Schlagzeuger Jack DeJohnette, mit denen er schon so manche Schlacht geschlagen hat. Komplettiert wird dabei das Quartett von Bassist Drew Gress – und fertig ist diese exzellente Koalition aus vier Innovationsexperten. Drew Gress gibt da dem Treiben zwischen scheinbar klassischen Up-Tempo-Nummern, Freigeisterei und rockenergetischer Pace ein stabiles, aber gleichermaßen biegsam-flexibles Rückgrat. John Abercrombies Gitarrenspiel leuchtet und funkelt wie gewohnt. Und während John Surmans Klang sich vom flüssigen Gold in heißes Magma verwandeln kann, ist Jack DeJohnette weiterhin einer der coolsten Vertreter seiner Zunft – wenn er mit einer geradezu unverschämten Lässigkeit und wie eine Krake die Becken und Trommeln auf ihre attraktiven Ur-Impulse abgeklopft. Bis auf »Chelsea Bridge« von Billy Strayhorn und »Slanted Sky« von John Warren stammen die Songs übrigens allesamt von John Surman. Aber bei den Kompositionen schien er genau die Handschrift und den Herzschlag im Kopf gehabt zu haben, mit denen sein Quartett das Aufnahme-Studio erobern sollte.
Guido Fischer

Riessler – Levy – Matinier
Silver & Black
Michael Riessler: bcl / Howard Levy: p, harmonica / Jean-Louis Matinier: acc
10 Tracks
Spieldauer: 47:27
Enja / edelkultur
*****
Es sind Klänge aus entfernten Welten. Und dennoch sind sie einem vertraut. Was angesichts allein des Klarinettisten Michael Riessler und des Akkordeonisten Jean-Louis Matinier nicht verwundert. Denn beide haben sich schon immer für eine Folklore imaginaire stark gemacht, bei der die Grenzen zwischen Orient und Okzident überwunden, aber durchaus auch ernst genommen werden. Mit dem amerikanischen Mundharmonika-Spieler und Pianisten Howard Levy haben sie nun ein Trio zusammengestellt, das in nächster Zukunft für ähnlich angelegte Projekte wohl als Referenzmarke herhalten darf. Denn bei den Drei geht es nicht mehr um das Ab- und Herantasten an arabische Idiome. Riessler, Levy & Matinier haben alles, auch den europäischen Jazz wie das klassische Erbe à la Bach, derart verinnerlicht und damit ins facettenreiche Vokabular eingeschmolzen, dass daraus fast eine ganz eigene, fast authentisch anmutende Klangsprache entstanden ist. Eine größere Leistung lässt sich in einem musikalischen Schöpfungsprozess kaum vorstellen.
Guido Fischer

Robert Glasper
Double-Booked
Robert Glasper: p, fender rhodes / Casey Benjamin: sax / Vincente Archer, Derrick Hodge: b / Chris Dave: dr
12 Tracks
Spieldauer: 72:26
Blue Note / EMI
****
Robert Glasper ist heiß. Wann immer es um neue Pianisten geht, fällt in letzter Zeit sein Name. Double-Booked, der Name seines neuen Albums, ist nicht Ausdruck der Hybris, sondern schlichte Tatsache. Denn Glasper unterhält ein »traditionelles« Pianotrio und eine Band namens Robert Glasper Experiment, die sich die Einspielung hälftig teilen. Wie wörtlich der Titel zu nehmen ist, verraten witzige Mitschnitte von Glaspers Mailbox, auf denen Terence Blanchard und The-Roots-Drummer Ahmir »?uestlove« Thompson die jeweilig andere Band anfragen.

Wie dringlich Glasper das Musikmachen ist, verrät der Gestus des Trio-Openers »No Worries« - hier wird der Gestus des »Hier bin ich und ich will spielen« überdeutlich. Schlagzeuger Chris Dave ist wohl die größte Überraschung des Albums, denn er überzeugt im Trio genauso wie in der Experiment-Band mit starken HipHop-Anleihen.

»Es ist ja nicht so, dass ich ein Jazzmusiker bin, der ab und zu HipHop spielt«, meint Glasper. »Ich bin in beiden Stilen voll involviert, ich lebe beide Seiten des Spektrums ganz intensiv aus.« In »Yes, I’m Country (And That’s OK)« bekennt Glasper sich zu seinen Landei-Wurzeln aus dem tiefsten Texas, und »59 South« setzt einem Highway in Houston ein Denkmal.

In den HipHop-Teil der Platte leitet ein lange Fassung von Monks »Think of One« über, in der Glasper auch »Swahililand« von Ahmad Jamal zitiert, auf dessen Akkordfolge wiederum der De-La-Soul-Klassiker »Stakes Is High« basiert. Danach regiert The Robert Glasper Experiment mit den Gast-Vokalisten Mos Def (»4eva«) und Bilal (»All Matter«, »Open Mind«). Herzstück dieser CD-Hälfte ist das zehn Minuten lange »Festival«, in dem Saxofonist Casey Benjamin ein ganzes Arsenal an Soundeffekten präsentiert und Glasper selbst auf dem Fender Rhodes brilliert.
Rolf Thomas