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17 Hippies - Urbane Melancholie |
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Von Wolf Kampmann
Dafür gibt es in Berlin das Phänomen des stillen Klangs. Die Bilder der Stadt bringen ihre eigenen Soundtracks hervor. Es sind Klänge, deren Herkunft sich schwer bestimmen lässt. Eine dynamische Metropole, die in permanenter Veränderung ist, definiert sich über das Unbestimmbare. Berliner Musiker beklagen sich seit Jahrzehnten darüber, dass die Stadt keine homogene Szene, keinen charakteristischen Sound hervorbringt. Nicht, dass um eine derartige Szene nicht unzählige Male gerungen worden wäre. Doch Berlin ist viel zu sehr die Summe seiner Gegensätze, als dass es eine wie auch immer bestimmte Einheitlichkeit zulassen könnte. So entpuppt sich ausgerechnet eine Band als nachhaltigster Trafo Berliner Klangsensibilität, die niemals nach dieser Homogenität gesucht hat.
Unendliche Weiten
Die 17 Hippies bestehen seit anderthalb Jahrzehnten. Auf ihren CDs beschrieben sie nicht nur ein Kaleidoskop aus separaten musikalischen Haltungen und Vorlieben, die sich schwer unter einen Hut bringen ließen. Sie verkörperten auch das kollektive Fernweh. Die Sehnsucht des mitteleuropäischen Großstädters nach den unendlichen Weiten der Welt. Mit ihrer Form der virtuellen Weltmusik konnten allerdings die Franzosen wesentlich mehr anfangen als die Deutschen. Während die 17 Hippies in Deutschland lange als exotischer Geheimtipp belächelt wurden, waren sie in unserem westlichen Nachbarland, dessen kulturelle Identität in viel stärkerem Maße auf ethnischem Pluralismus beruht, längst Superstars.
Nachdem die 13-köpfige Band eine Odyssee um die ganze Welt hinter sich hat, widmet sie ihr neues Album nun ihrer Heimatstadt. In Berlin haben sie ihr El Dorado gefunden. Der Keim, der auf El Dorado aufgeht, ist so alt wie die Band selbst. »Wir haben eine lange Reise hinter uns, die typisch deutsch ist«, erklärt Christopher Blenkinsop, der geistige Vordenker der 17 Hippies. »Es ist eine Reise auf der Suche zu uns selbst. Ein Grieche kennt das nicht. Er wächst mit seiner Kultur auf und fertig. Da spielen sicher die Nazis und die 68er eine Rolle, aber Volksmusik funktioniert in Deutschland einfach nicht. Unser Ausgangspunkt war vor vielen Jahren eine Reise nach Irland. Ich arbeitete in einem Hostel. Da waren Menschen aus der ganzen Welt. Die kamen abends zusammen, tranken und sangen. Die Einzigen, die nie sangen, waren die paar Ost- und Westdeutschen. Wir schoben es auf die Sprache. Als aber irgendwann ein besoffener Japaner ›Sah ein Knab’ ein Röslein steh’n‹ sang, wussten wir, dass irgendwas nicht stimmt. Kurze Zeit später waren wir in New Orleans. Bei einem Konzert kam jemand zu uns und sagte ›Ihr seid doch Deutsche!?‹. Ich fragte, woher er das wüsste. Er meinte, wir wären von den dreieinhalbtausend Anwesenden die Einzigen, die nicht tanzten. Da hatte ich genug davon, dass wir kein Repertoire hatten. Ich rief alle Musiker an, die ich kannte. Jeder brachte drei Stücke Musik mit, die wir alle lernten. So trafen wir uns jeden Donnerstag - bis wir ein Repertoire hatten. Das war unser Anfang.«
Der größte gemeinsame Unterschied
Inzwischen haben die 17 Hippies ihren längst ihren unverwechselbaren Klang und ihr Repertoire gefunden. Vielleicht sind sie die eklektischste Band der Welt, und doch begnügen sie sich nicht mit der Suche nach einem kleinsten gemeinsamen Nenner. Vielleicht ist es gerade der kreative Umgang mit dem größten gemeinsamen Unterschied, was ihre Unverwechselbarkeit ausmacht. Die gegenseitige Akzeptanz individueller Grenzen läuft in der kollektiven Expression auf einen ungeheuer dichten Gruppensound hinaus. Nach der Heimat dieses Klanges befragt, entgegnet Blenkinsop wie aus der Pistole geschossen: »Berlin«.
»Wir haben es noch nie zuvor erlebt, dass wir bei einer CD einen derartigen Konsens fanden«, wirft Akkordeonistin Kiki Sauer ein. »Dabei sind die zwölf Stücke total unterschiedlich. Aber sie klingen alle nach uns. Wir sind sehr kritische Musiker, die sich intensiv mit sich auseinandersetzen. Manchmal fragen wir uns: Könnte das nach 15 Jahren nicht mal irgendwie in Harmonie aufgehen? Diesmal haben wir das erreicht. Nachdem wir anfangs dachten, wir überfordern uns mit dieser Vielfalt selbst, kann sich jeder Musiker in der Band mit jedem Stück identifizieren. Das war bis jetzt nur ganz selten der Fall.«
»Und das geht eben nur in Berlin«, greift Blenkinsop den Gedanken auf. »Letztes Jahr sagte uns jemand in Amerika, wir würden genau so klingen, wie er sich eine Band aus Berlin vorstellt. Ich wusste zwar nicht genau, was er meinte, aber plötzlich hatte ich das Gefühl, wir wären am Ziel unserer Suche. Wir haben ja auch ganz bewusst Stücke mit starkem türkischen Einschlag auf der Platte. Irgendwann fragte ich mich, was türkische Popmusik eigentlich ist. Ich ließ mir von Freunden CDs zusammenstellen und habe inzwischen eine Sammlung mit 600 Stücken. Davon ist einfach einiges hängen geblieben. Das ist total Berlin. Unter unserem Büro ist das Russische Theater. Auch das ist Berlin. An dieser Straßenecke hören wir dies, an der nächsten hören wir jenes, dazu kommt der angloamerikanische Krimskrams, der ja auch irgendwie unsere Tradition ist. All das wird gemischt. Man geht weg, um in der Fremde herauszufinden, woher man eigentlich kommt. Dann kommt man wieder nach Hause und freut sich plötzlich, zu Hause zu sein. In Berlin gibt es eine Art von Lebensgefühl, die kein Mensch in anderen Metropolen kennt. Die müssen nämlich alle 18 Stunden am Tag arbeiten, um sich ihre 8-Quadratmeter-Wohnung leisten zu können. Wir haben in Berlin einfach viel mehr Zeit und können das Leben genießen.«
Ballast abwerfen
Ein Album über Berlin kann also ein Statement über die Lebenszeit sein. Über Gelassenheit und die Ausdehnung des Augenblicks. Und über unsentimentale Rückbesinnung, denn wer sich im eigenen Leben ausdehnen will, hat die Freiheit der Richtungswahl. An diesem Punkt kommt wieder Folklore bzw. Volksmusik ins Spiel. Wer in der Lage ist, seinen ideologischen Ballast abzuwerfen, muss sich früher oder später eingestehen, dass seine musikalische Sozialisation weit über die aktuellen Hörgewohnheiten hinausgeht. Für das Selbstverständnis der 17 Hippies ist jene Tradition der urbanen Melancholie zwischen Volks- und Kunstlied stilbildend, die sich über alle Industriemetropolen des 19. Jahrhunderts erstreckte und sich gerade in Berlin im Leierkastenlied und in der Moritat manifestierte. Dieser in der historischen Betrachtung stets vernachlässigte Strang gipfelte Anfang des 20. Jahrhunderts in den Songs von Brecht/Weill, brach aber in den dreißiger Jahren jäh ab.
Als Kinder der sechziger und siebziger Jahre bekennen sich die 17 Hippies aber mittlerweile auch zu musikalischen Traditionen, die heute alles andere als politisch korrekt sind. Mit dem Song »Stern am Ende der Welt« hat die Band einen waschechten Schlager auf dem Album, der Dieter Thomas Heck zu Freudensprüngen veranlasst hätte. Sie zelebrieren das Lied ohne falsches Pathos und brauchen auch kein verstohlenes Augenzwinkern, um dabei absolut authentisch zu wirken. Doch wo liegt die Kitschgrenze, wo fängt an, was nicht mehr geht? »Die Identität ist vor allem ein Gefühl«, beginnt Kiki Sauer die Positionsbestimmung. »Wenn wir persönlich mit diesen unterschiedlichen Sachen etwas anfangen können, ist da automatisch auch eine Verbindung vorhanden. Denn es kommt ja von denen, die es machen.«
Das klingt simpel, doch genau darauf kommt es an. Sich selbst ohne Rücksicht auf externe Erwartungen zu vertrauen und Zweifel nur dort zuzulassen, wo in Frage steht, ob etwas echt oder originär ist. So küssen die 17 Hippies etwas wach, das in uns allen steckt, aber nur aus den wenigsten von uns herauskommt. Eine Band wie das Leben. Eine Band wie Berlin.
Aktuelle CD:
17 Hippies: El Dorado (Hipster-Records / Soulfood)
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