|
|
Home Archiv Anthony Joseph - Poesie ist Musik |
|
Anthony Joseph - Poesie ist Musik |
|
Von Olaf Maikopf
Bild: Aiste Leipute
Den auf Trinidad geborenen Joseph kennt man auf den britischen Inseln vornehmlich als angesagten Poetry-Künstler. Er schrieb Gedichtbände wie Desafinado und den Roman The African Origins of UFOs, lehrt kreatives Schreiben und war der erste vom British Council ausgewählte »Poet In Residence« an der California State University, Los Angeles. Meist trägt der vollbärtige Mann, der seit zwanzig Jahren in London lebt, seine Spoken-Words in Begleitung des Jazzsextetts Spasm Band vor. Ihr gemeinsames Debütalbum erschien 2007 - und nun der Nachfolger Bird Head Son, der an die Siebziger andockt. Ein Album voller autobiografischer Texte, in denen der Sänger auf die eigene Kindheit und Jugend auf Trinidad zurückblickt: »Bird Head Son« war Anthony Josephs Spitzname in den 70ern; sein Vater wurde wegen seines kleinen Kopfes »Bird Head« genannt, und Anthony selbst war nicht größer als ein Grashüpfer.
Anthony Joseph: Ich glaube nicht, dass ich mich für diese Art der Musik entschieden habe, sondern dass sie mir »passiert« ist. Als wir als Band starteten, war es meine anfängliche Idee, Trinidad und der Musik, mit der ich aufgewachsen bin, meine Ehrerbietung zu erweisen. Ich wollte eine Musik schaffen, die mich als Person, als karibischen Künstler repräsentiert. Die Kirchengänge in Trinidad, Calypso, Funk und später dann Jazz, all diese Elemente, die mein Leben bestimmten, wollte ich durch meine Musik zusammenführen. Da das Ganze nicht gekünstelt klingen sollte, verwendete ich anfangs nur Trommeln, Djembe, Saxofon, Bass und Gesang. Ich versuchte den typisch spirituellen Rhythmus der Baptisten, mit dem ich in Trinidad aufgewachsen bin, zu erzeugen und machte ihn zum Teil meiner Musik. Ich liebe auch alle Formen und Facetten des Jazz. Also gewann ich einen Saxofonisten für mich, der den Free Jazz beherrscht, einen Djembe- und einen Conga-Spieler, der einen afrikanischen Stil spielt, einen der in der Erde verwurzelt ist. Damit schufen wir die Basis, die mit dem Feuer des Saxofons sehr hypnotisierend wirkt. Unsere Musik ist ein Mischung der Elemente; die Erde, das Feuer, die Luft und die Stimme. Heute habe ich erkannt, dass es mir wohl darum geht, die Diaspora, die ganze musikalische Zerstreutheit Afrikas wieder auf einen Sound zurückzuführen.
Die Einflüsse in Anthony Josephs Musik sind immens, als Bezugspunkte kann man das Art Ensemble of Chicago, Sun Ra, Archie Shepp in den frühen Siebzigern, in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern James Chance, James Blood Ulmer, Rip, Ric & Panic und Defunkt nennen. Posaunist Joseph Bowie, mit Defunkt in den Achtzigern Speerspitze des Free-Funk und Bruder der verstorbenen Art-Ensemble-of-Chicago-Legende Lester Bowie, scheint den Spirit von Bird Head Son mitgeprägt zu haben.
Anthony Joseph: Jo ist eine bewundernswerte Person, ein sehr warmer, liebevoller Mensch. Zudem war er sehr großzügig, was seine Zeit und seine Energie betraf. Allein in der Gegenwart eines solchen Menschen zu sein, war eine richtungweisende Erfahrung. Ich bin der Meinung, dass er dadurch, dass die Mitglieder der Band zu ihm aufschauten, eine gewisse Ruhe in unsere Gruppe brachte. Indem Jo an einigen Tracks mitwirkte, brachte er die Tradition des Jazz, den typischen Sound auf unser Album, ebenso wie er in den achtziger Jahren für den Sound von Defunkt sorgte. Jo Bowie war zwar nicht dabei, als wir begannen, die Texte für das Album zu schreiben, aber ich würde sagen, dass er die Glasur auf dem Kuchen war.
Trotz der Reverenzen an Jazz und Funk klingen die zwölf Songs sehr zeitgemäß. Anthony Josephs mystischer, intensiv funkensprühender Wortfluss passt perfekt zum hippen Voodoo-Jazz voller orgiastischer Improvisationen und den erdigen, afro-karibischen Rhythmen. Die Musik hat Tiefe und eine angenehm freie Aggressivität. Ein ungemein lebhaftes und viel Spaß bereitendes Album, surreal und gleichzeitig spirituell.
Anthony Joseph: Wie gesagt, gehörten die Besuche der Baptistenkirche, die natürlich sehr eng verknüpft ist mit Voodoo, aber auch mit Candomblé und Santería, zu meiner Kindheit. All diese religiösen Ausrichtungen haben die gleichen Wurzeln. Ich bin mit diesen Traditionen aufgewachsen, weswegen sie ein Teil von mir sind und mich als Künstler geformt haben. Spiritualität ist in meinen Augen ein Prozess des Ich-Werdens, ein Prozess, den man niemals richtig versteht. Natürlich versuche ich, durchs Leben zu gehen und es zu begreifen, aber ich habe keine geistigen Ansprüche. Und auf gar keinen Fall versuche ich, den Leuten zu sagen, wie sie ihr Leben gestalten sollen. Nein, dieser ganze Bezug zu Voodoo, zur Karibik ist da, weil ich in Trinidad aufgewachsen bin und diese ganzen Dinge Teil von mir sind. Aber es ist nichts, was ich über die Musik stelle. Es repräsentiert lediglich wer ich bin, wo ich herkomme.
Anthony Joseph, ein Mittler zwischen den Kontinenten, der Traditionelles aus Afrika und der Karibik mit den Klängen des Westens vereint. Mit dabei auch: der ganz wunderbar in dieses faszinierende Umfeld passende Gitarrist Mr. Bluefunk Keziah Jones.
Anthony Joseph: Ich erinnere mich, dass ich Mitte der neunziger Jahre ein großer Fan von ihm war, denn er gehörte zu den wenigen Leuten in England, die erfolgreich schwarzen Rock produzierten und ziemlich schnell Plattenverträge unterschreiben konnten. Im Laufe der Zeit begann ich mit ihm abzuhängen, wir machten viele verschiedene Dinge zusammen, wir spielten Musik oder organisierten gemeinsam Lyrik- und Musikevents in London. Als ich dann das Projekt mit der Band startete, war das die erstbeste Gelegenheit, ihn einzuladen, mit mir auf der Bühne zu stehen. Ich nutzte sie und er kam, spielte einige Gigs mit uns, und wir merkten schnell, dass seine erschütternde rhythmische Spielweise gut mit der Band harmonierte.
Der Dichter Anthony Joseph entschied sich, seine Texte via Musik für ein breiteres Publikum greifbarer zu machen.
Anthony Joseph: Als ich vor einigen Jahren meinen Roman The African Origins of UFOs schrieb, hatte ich mich ja zuvor bereits mit Musik beschäftigt. Ich spielte in den Neunzigern in einer Rockband, so einer Heavy-Black-Rockband, und ich glaube, wenn man einmal zusammen mit einer Band auf der Bühne stand, dann lässt dich dieses Gefühl, diese Leidenschaft, die du spürst, wenn hinter deinem Rücken harte Bässe pulsieren, nicht mehr los. Zu der Zeit, als ich mein Buch verfasste, sah ich die Möglichkeit, wieder mit einer Gruppe von Musikern auf der Bühne zu stehen. Denn die Art und Weise, wie ich schrieb, hatte etwas Rhythmisches, Melodisches. So eröffnete sich mir die Möglichkeit, einzelne Musiker zu einer Gruppe zusammenzuführen, die fortan für den rhythmischen Teil der Texte verantwortlich waren. Also ja, natürlich war die Band eine Möglichkeit, ein Mittel, um meine Texte einem breiteren Publikum näherzubringen. Aber auch ich konnte auf diesem Weg Dinge miteinander verbinden, die mich interessieren und für die ich eine Leidenschaft habe: die Literatur, Trinidad und die Musik. Mit einer Band war ich in der Lage, all dies in Einklang zu bringen und so meine Herkunft, meine Person, den Künstler in mir zu repräsentieren. Darüber hinaus konnte ich zeigen, dass die Musik und ihr Rhythmus in der Karibik wurzeln.
Aktuelle CD:
Anthony Joseph & The Spasm Band: Bird Head Son (Naïve / Indigo)
|
|
|
|