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Brass Music - In wilder Erregung |
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Von Christoph Wagner
Bild: Afrikanischer Regimentsmusiker, 1900
Sammlung Christoph Wagner
Jetzt galt die Blasmusik als spießig - das Gegenteil von cool! Selbst die wohlgemeinten Versuche mancher Orchesterleiter, sich mit Beatles-Medleys und Pop-Nummern dem Zeitgeist anzupassen, verpufften ohne Wirkung.
Doch seit ein paar Jahren beginnt sich das Blatt zu wenden. Durch die Hintertür kehrt der Blechklang in die populäre Musik zurück. Blaskapellen vom Balkan haben das Wunder vollbracht. Mit ihrem fetzigen Sound machten sie die Blechmusik zum Renner der Weltmusik-Szene und zur Sensation in den großstädtischen Discos. Sie wirkten als Türöffner, die dem Blasmusik-Boom den Weg ebneten.
Laute Tröten
Schon einmal hatten Blechbläser am Tanzboden triumphiert. In Dörfern und Vorstädten galten sie einst als der letzte Schrei und bildeten einen Knotenpunkt im sozialen Leben. Was die E-Gitarre für die Rock-Ära bedeutete und das Laptop für die Gegenwart, waren Trompeten und Hörner in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Das dominante Instrumentarium der populären Musik.
Zwei Erfindungen ermöglichten den Siegeszug: Die Entwicklung der Tuba sowie der Blechinstrumente mit Ventilen brachte das Blasorchester als homogenen Klangkörper hervor. Anfangs machte vor allem das Militär vom dem neuen wuchtigen Klang Gebrauch, der Aufmärschen mehr Pomp verlieh. Wenn Regimentsmusiker später den Dienst quittierten und in ihre Dörfer zurückkehrten, spielten sie auf Hochzeiten und Kirchweihen, wobei sie an Lautstärke alle herkömmlichen Instrumente überboten. Urgroßmutters Heavy Metal verschaffte sich selbst im größten Wirtshauslärm Gehör. Solch laute Tröten standen vor allem bei der Jugend hoch im Kurs. In Blaskapellen lernten Jugendlichen aus den unteren Gesellschaftsschichten das ABC der Musik.
Durch die koloniale Expansion gelangte die »Brass Music« über Europa hinaus. Ob in Lateinamerika, Asien oder Afrika - überall war bald der blecherne Klang zu hören. Von dort, von der Peripherie, kehrt die Blasmusik heute wieder in die westliche Popmusik zurück. Als Botschafter wirken Popmusiker wie Zach Condon von der amerikanischen Gruppe Beirut. Condon ist ein musikalischer Globetrotter. Wie vor ihm Paul Simon, Ry Cooder und David Byrne bereist er die Welt auf der Suche nach ungehobenen musikalischen Schätzen. Selbst ein versierter Trompeter, Euphonium- und Waldhornbläser, besitzt er ein Faible für Blechorchester.
Unpolierte Notenleser
War Condons letzte Einspielung stark von den Bläsersounds des Balkan gefärbt, hat es ihn für die aktuelle Produktion ins mexikanische Hinterland verschlagen. Im April letzten Jahres machte sich Condon auf nach Teotitlán del Valle, einer Stadt am Fuße der nördlichen Sierra im Bundesstaat Oaxaca von Südmexiko. Dort lassen es jeden Freitagabend die örtlichen Blaskapellen auf dem Marktplatz mächtig krachen. Besonders angetan war Condon von dem fast zwanzigköpfigen Blasorchester der Familie Jimenez. Die Mitglieder dieser »Banda« erwiesen sich als passable Notenleser, die sich dennoch den Charme des unpolierten Musizierens bewahrt haben. Der Beirut-Bandleader arrangierte seine Songs für die Familienband neu und nahm deren Interpretationen mit dem Laptop auf, um später im Studio in Brooklyn die Liedmelodien darüber zu singen.
In Südmexiko, wo Condon fündig wurde, hat die Blasmusik eine lange Tradition. Im Bundesstaat Oaxaca tauchten die ersten Trompeten bereits in den 1850er Jahren auf. Aber erst die Invasion Frankreichs 1862 und die Krönung des habsburgischen Erzherzogs Maximilian zum Kaiser von Mexiko zwei Jahre später brachte europäische Militärkapellen in so nennenswerter Zahl ins Land, dass sie bald Nachahmer unter den Einheimischen fanden. Ob bei Dorffesten, religiösen Prozessionen oder Karnevalsumzügen - allerorten sorgten die Bläser mit Märschen, Polkas und Walzern für Unterhaltung, wobei an den kirchlichen Feiertagen auch Hymnen aus dem katholischen Gesangsbuch intoniert wurden.
Neben Lateinamerika hatte die französische Kolonialarmee Afrika im Visier. Mit dem Militär kamen die Regimentskapellen. Durch ihr martialisches Auftreten und die Wucht ihres Klangs avancierten sie zu Symbolen kolonialer Macht, was Nachahmer fand: Bald stellten die einheimischen Herrscher ihre eigenen Blechformationen auf. 1862 stieß ein europäischer Forschungsreisender in Karagwe (Tanzania) auf ein solches Ensemble: »Der König befahl seinen Musikern, uns ein Stück zu spielen. Die Gruppe setzte sich aus einigen Trommlern zusammen und Blechbläsern mit teleskopartigen Trichter-Instrumenten, wie sie gerade in Mode sind, die sie die ganze Zeit wie wild bliesen.«
Hand in Hand mit den Kolonialmächten arbeitete die christliche Mission. Die Bekehrten zogen in Missionsstationen, wo das traditionelle Instrumentarium verboten war, weil mit »heidnischen« Bräuchen verbunden. Als Ersatz wurden Blaskapellen ins Leben gerufen, deren Instrumente man aus Europa einführte. Die Missionare sahen im Musikmachen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung im »Kampf gegen die Sinnlichkeit der Neger«, wie es 1902 in einem Missionsbericht hieß. »Die jungen Burschen müssen doch Gelegenheit haben, zu jugendlich-fröhlichem, aber anständigem Treiben zusammenzukommen. Man muss sie anleiten, ihre Mußezeit mit Edlem anzufüllen.«
Ein großes Plus der Bands war ihre Mobilität. Blechorchester konnten sowohl den Gesang im Gottesdienst begleiten als auch Prozessionen und kirchliche Umzüge anführen. Aber die Kalkulation der Missionare ging nicht auf. Da die Absolventen der Missionsschulen oft gute Jobs in der Verwaltung oder bei Handelsfirmen fanden, gingen sie bald ihre eigenen Wege. Sie spielten weiter auf ihren Blasinstrumenten, doch nicht mehr das fromme Repertoire. »In manchen Gegenden wird die Sinnlichkeit und das ungebundene Wesen mächtig gefördert durch Musikbanden, die mit europäischen Instrumenten spielen«, klagt eine Missionszeitschrift. »Auch viele Christen, zumal jüngere Leute, vermögen der Verführungsmacht dieser europäischen Musik nicht zu widerstehen und werden in wilder Erregung der Sinneslust fortgerissen.«
Von den Missionaren bekämpft, bildeten solche »Musikbanden« den Nährboden für die afrikanische Popmusik der nachkolonialen Ära. Aus dem westafrikanischen Bénin, das von 1892 bis 1960 unter französischer Herrschaft stand, stammt die Gangbé Brass Band. Ihre Besetzung ähnelt denen der Blaskapellen der Kolonialzeit. »Gangbé« bedeutet »Klang von Metall«. Das achtköpfige Bläser- und Trommelensemble peilt jedoch einen neuen Stil an, der nigerianischen Juju, High-Life aus Ghana und traditionelle Vodun-Musik (= Voodoo) mit Jazz- und Bigband-Arrangements vereint. Märsche wird man darin vergeblich suchen.
Landler-Beat
Mit Tschingderassa-Bumm hat auch LaBrassBanda nichts am Hut, obwohl diese Blechkapelle aus dem tiefsten Bayern kommt. Die fünfköpfige Combo vom Chiemsee bürstet die traditionelle Blasmusik gegen den Strich, wobei sie Jung und Alt gleichermaßen auf die Beine bringen. Wo immer sie auftreten, hält es niemand lange auf den Sitzen und bald wird in wilder Manier das Tanzbein geschwungen. In Bayern ist die Fünf-Mann-Kapelle bereits zu einem Symbol für die Erneuerung der Blasmusik geworden. LaBrassBanda bläst den Staub vom antiquierten Blech.
2007 ergriffen die fünf Musiker aus Oberbayern die Initiative und brachten als Erstes die Besetzung auf die Höhe der Zeit, indem sie Trompete, Posaune und Tuba eine druckvolle Rhythmusgruppe zur Seite stellten. Jetzt treibt ein knackiges Schlagzeug im Gespann mit einer markanten Bassgitarre die feurigen Melodien an, wenn LaBrassBanda richtig loslegt. Und dazu haben die fünf Brass-Rocker aus dem Chiemgau zweifellos das Talent. Sie haben ihr Handwerk auf dem Musikkonservatorium gelernt und sind absolute Könner auf ihren Instrumenten. Kein Ton geht daneben, kein Einsatz wird verpatzt. So lässig und zupackend, aber auch so virtuos und mitreißend hat man Bläserklänge selten gehört. Vor allem Trompeter Stefan Dettl fällt durch atemberaubende Virtuosität und einen kristallklaren Ton auf, der selbst in den höchsten Lagen nicht flattrig wirkt, sondern sich wie ein Projektil in die Gehörgänge bohrt.
Auf überzeugende Weise verbindet LaBrassBanda die besten Blasmusiktraditionen der Welt zu einem völlig eigenständigen Stil. Da mischt sich New-Orleans-Funk mit Ska aus Jamaika. Da trifft das Hochgeschwindigkeits-Stakkato der Balkanbläser auf mexikanisches Pathos und landet auf direktem Wege bei alpenländischer Polka und deftigem Landler-Beat. Mit so viel Power wie bei LaBrassBanda hat man Blasmusik selten gehört. Ihr mitreißender Bläsersound könnte dafür sorgen, dass die Blasmusikwelle noch weiter an Fahrt gewinnt.
Neuerscheinungen:
Beirut: March of the Zapotec / Realpeople Holland (Pompeii Records)
Gangbé Brass Band: Assiko (Contre Jour)
LaBrassBanda: Habediehre (Trikont / Indigo)
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