|
|
|
Home |
|
Cheikh Tidiane Seck |
|
Von Martina Zimmermann 
Bild: Marie Planeille
Cheikh Tidiane Seck, in Mali geboren, steht für die gegenseitige »Entwicklungshilfe« wie kaum ein Zweiter.
Brückenschlag
Weniger populär, als einige seiner Weggefährten es heute sind (Details und Namedropping im Interview), gilt er Kollegen und Publikum als Instanz, als ein Aufrechter, der auf den Unterschied zwischen seelenvoller Musikalität und falscher »World Music« pocht. »Ich bin kein World-Musiker«, erklärt er. »Die Medien kreierten diese Weltmusikbewegung. Sie ist eine Gefahr, man darf sich nicht in eine Schublade einschließen lassen.« Bunt, sinnlich, auf untouristische Weise exotisch anmutend und gleichzeitig schon im Ansatz modern ist die eigene Musik des Pianisten, Sängers, Gitarristen, Produzenten, Komponisten und vor allem Hammond B-3-Organisten. Leuten wie Fela Kuti (ohne das Ausufernde) oder Manu Dibango folgend, lässt er unter Beigabe von Soul, R&B und Jazz eine anspruchsvolle, lebensnahe Popmusik wachsen. Die Einlösung des Multikulti-Versprechens, wenn man so will.
Nichts weniger als die Wiederentdeckung ihrer eigenen afrikanischen Identität nannte US-Sängerin Dee Dee Bridgewater die Zusammenarbeit mit Seck, der ihr Album Red Earth (2007) produzierte und durch die enorme Pressepräsenz, die darauf folgte, von der Popularität der Jazz-Diva profitieren konnte. Ein großer Coup und wichtiger Brückenschlag.
Dreizehn Jahre nach seinem Jahrhundertalbum Sarala mit dem amerikanischen Jazzpianisten Hank Jones und der Crème der Mali-Musikszene und fünf Jahre nach MandinGroove ist der große Krieger wieder da, mit dem Album Sabaly. Womöglich eines der schönsten des 21. Jahrhunderts? Zweifellos die Quintessenz von Kunst und Leben des Cheikh Tidiane Seck, zwischen Mali, ganz Westafrika und dem Jazz des amerikanischen Kontinents.
Cheikh Tidiane Seck: Zentralafrika ist auch drin, mit der Hommage an Manu Dibango.
Martina Zimmermann: Und Paris!
Cheikh Tidiane Seck: Alles. Ich wollte meine Welt darstellen. Es gibt eine etwas narzisstische Seite bei Folklore aus Mali, aber auch den Groove mit dem Sinn für Modernität, das Ganze bleibt organisch. Ich hatte mir eine Art Symbiose zum Ziel gesetzt, um zu zeigen, wo ich musikalisch stehe. Das Album ist eine Schrift dessen, was musikalisch in meinem Innersten passiert. Es will eine zeitgenössische Kreation sein.
Martina Zimmermann: Das Titelstück hast du ursprünglich mal für deine erste eigene Band, Les Asselars, in Abidjan geschrieben. Wie wurde Sabaly zum Titel des ganzen Albums?
Cheikh Tidiane Seck: Das Lied prangert die Gewalt an. Ich habe es herausgekramt und aktualisiert. Meine Schwester Oumou [Sangaré] singt mit mir im Duett. Sabaly bedeutet Toleranz und Verzeihen - damit könnten wir auf der Welt besser zusammenleben. Das ist mein Denken. Wenn wir nicht lernen, uns gegenseitig zu tolerieren, werden wir nie etwas zusammen aufbauen können.
Kein Flugzeug
Martina Zimmermann: Wie schon zuvor hast du auch für dieses Album wieder eine Menge bekannter Leute zusammengebracht. Wie und in welchem Zeitraum geschah das?
Cheikh Tidiane Seck: Sie alle haben zu irgendeinem Zeitpunkt auf meinem musikalischen Weg eine Rolle gespielt, ob als Kompagnon oder als geistiger Führer. »Biso« von Manu Dibango habe ich 1970 gespielt, er hat es 1967 komponiert, der Song gehört zu meinen frühesten Waffen. Die Zusammenarbeit mit Kassé Mady stammt aus der Zeit der Railband. Die Crème der Rhythmussektion Bamakos ist dabei, und Petit Adama [Djembe-Spieler von der Elfenbeinküste] habe ich gebeten, weil ich sein Spiel und seinen Sound mag und weil er ein tolles Niveau hat. [Gitarrist] Djélimady Dunkara wie auch [Kora-Spieler] Toumani Diabaté gehören zu meiner »schwarzen Garde«. Von Guy Nsangué [b] und Paco Sery [dr] ganz zu schweigen - ich könnte den ganzen Tag lang von ihnen reden. Marque Gilmore [dr], Baba Salah [g] und Amadou & Mariam sind dabei. Amadou spielt Gitarre und Mariam singt auf das Stück »O Lord«, darin geht es um den Krieg, der ganz Afrika lähmt - die Tuaregkriege oder die ethnischen Kriege in der Elfenbeinküste, in Ruanda oder Darfour. Ich klage das an – »O Lord«. Ich habe das Stück im Wohnzimmer von Amadou & Mariam komponiert, nachdem Air Senegal mich nicht nach Abidjan bringen konnte; es gab kein Flugzeug, weder morgens noch am Mittag. Als ich vom Flughafen zurückkam, habe ich die Akkorde auf der Gitarre gespielt – »O Lord, no war«. Mariam wiegte ihren Kopf hin und her und sagte: Mein Schatz, das ist gut. Ich sagte: Schätzchen, ich werde das auf mein nächstes Album nehmen, und du wirst es mit mir singen.
Martina Zimmermann: Auch bei den anderen Titeln lädst du andere Sänger ein, bist nicht selbst der Leadsänger.
Cheikh Tidiane Seck: Das ist meine fusionelle Seite, ich bin so, ich mag das. Ich teile gerne, bei allem, bei Hank Jones und bei Dee Dee Bridgewater. Ich habe Kassé Mady eingeladen und ein bekanntes Stück auf meine Art arrangiert, und Kassé singt es toll. Sein kleiner Bruder singt auf einem Stück, das wir früher gemeinsam in der Railband gespielt haben. Diese Band war für uns alle wie eine Schule, für Salif [Keita], Mory [Kante] und mich. »Mougoutari« heißt das Stück. Es ist den Jägern gewidmet, aber eigentlich geht es da um die Railband.
Martina Zimmermann: Dass du die viele Rhythmen und Musikstile kennst, erklärt sich auch durch deinen Weg. Du bist als Musiker und Komponist gleichzeitig ein Musikwissenschaftler, hast an vielen Orten in ganz Afrika gelebt und bist für alle Töne offen ...
Cheikh Tidiane Seck: Danke. Die indische Kultur hat mich inspiriert, die arabische, alle afrikanischen Kulturen, und dank der afrikanisch-amerikanischen Kultur habe ich die Universalität berührt. Motown hat mich beeinflusst. Ich liebte die Jazzstandards und fand meine eigene Ausdrucksform. Mein Background besteht aus all diesen Erfahrungen, aus allem, was ich erlebt habe.
Martina Zimmermann: Du hast mir früher mal erzählt, dass du mittwochnachmittags in der Schule von Sikasso amerikanische Musik auflegtest, Etta James ...
Cheikh Tidiane Seck: »I’d Rather Go Blind«, das ist es, du kennst meinen Weg.
Martina Zimmermann: Ich spreche davon, weil es vielleicht Leute gibt, die noch nicht wissen, dass diese Musik damals auf der ganzen Welt gehört wurde, auch in Afrika.
Cheikh Tidiane Seck: James Brown wurde nicht gewürdigt, wie er es verdient hätte. Als Pavarotti starb, war er auf allen Fernsehkanälen. James Brown nicht.
Martina Zimmermann: Du redest von James Brown, weil du auch ihn mittwochnachmittags spieltest?
Cheikh Tidiane Seck: (lacht) Ich spielte ihn auf den Mittwochnachmittags-Partys im Kloster. Am ersten Mittwoch jeden Monats durften wir eine Party machen. Die Mädchen kamen aus dem Mädcheninternat zu uns ins Jungeninternat. Ich war als Schüler für Mehreres verantwortlich und wählte auch die Musik aus. Langsame Nummern waren verboten, weil es da körperlichen Kontakt hätte geben können. Eines schönen Tages sagte ich zu dem, der die Platten auflegte, er solle »I’d Rather Go Blind« von Etta James auflegen – und habe eine Nonne zum Tanzen aufgefordert. Ich werde ihren [Entsetzens-]Schrei nie vergessen!
Martina Zimmermann: Und doch war es eine Nonne, die dir das Orgelspiel beigebracht hat ...
Cheikh Tidiane Seck: Ich dachte mir nichts dabei, mit ihr einen Stehblues zu tanzen, das war kein körperlicher, fleischlicher Akt. Der Schuldirektor war gerade in Burkina Faso; als er zurückkam und ihm Bruder Emile Ramadié das erzählte ... - den ich hier grüßen möchte, weil er mir viel beigebracht hat, ohne sich über meine [muslimische] Religion lustig zu machen! Als ich ins Büro des Direktors gerufen wurde, sagte er: Du wirst von allen Lehrern respektiert, du bist ein braver, intelligenter Schüler. Wie hast du dir so etwas erlauben können? Ich antwortete ganz ruhig, dass mein Wunsch bar jeglichen körperlichen oder gar sexuellen Verlangens war.
Martina Zimmermann: (lacht) Sondern strikt musikalisch!
Cheikh Tidiane Seck: Ein Augenblick der Wärme, ohne Perversität. Er sagte: Du kleines Schlitzohr, ich sehe es an deinen Augen. Raus aus meinem Büro! Und mach das nie wieder! Auf jeden Fall hatte ich den Keim des Guevara-Mannes in mir, der ich bin und der ich bleibe. Ich bin für Che Guevara.
Martina Zimmermann: Ein Rebell also. Das hat dir Ärger bereitet in Mali, deshalb bist du in die Elfenbeinküste ausgewandert. Heute gilt Mali als Modell. Wie siehst du das?
Cheikh Tidiane Seck: Schon damals war Mali ein Modell. Es gab Militärs, aber es gab keine Verbrechen wie in den Hauptstädten der Nachbarländer. Wenn einer mit echten Kugeln schießt, bleibt in Bamako sofort alles stehen, das ist ein kolossales Ereignis. Diese Lebenshygiene blieb meinem Land erhalten, und ich bin froh darüber. Die Militärs hatten die Macht, und das war störend. Dagegen kämpften wir. Aber sonst: Seit der Zeit der Kaiserreiche werden die Menschen mit Liedern dazu erzogen, sich und ihr Schicksal und einander zu akzeptieren. Wenn ein Malinké seinen Dogon-Bruder beleidigt, dann werden ihn seine Malinké-Brüder zur Ordnung rufen. So läuft das in unserer Gesellschaft.
Lebenshygiene
Martina Zimmermann: Wie viel Zeit verbringst du heute in Mali?
Cheikh Tidiane Seck: In den letzten fünf oder sechs Jahren bin ich alle zwei, drei Monate in Mali, einen oder zwei Monate lang, genauso lang wie hier in Paris. Und das hat mir sehr viel gebracht. Das Album habe ich in Mali gemacht. Ich habe nur meinen Bassisten Guy Nsangué mitgenommen und [den Gitarristen] Hervé Samb, nur die beiden. Alle anderen Musiker kommen aus Mali.
Martina Zimmermann: War es wichtig für dich, gerade dort aufzunehmen?
Cheikh Tidiane Seck: Ich hatte Lust dazu, lange vor dem Album mit Dee Dee. Seit ich MandinGroove aufgenommen hatte, wollte ich das nächste Album in meinem Land machen, umgeben von den Meinen, von dieser Rhythmik. Selbst wenn ich mir alles hier ausgedacht hatte, wollte ich dort spielen, wo ich all die Künstler haben konnte, Oumou Sangare, Toumani ...
Martina Zimmermann: Und auch die jungen ...
Cheikh Tidiane Seck: Das ist ein echtes Dream-Team für mich. Ich hätte in Bamako auch andere Musiker nehmen können, aber das hängt immer davon ab, was ich gerade machen will. Auf meiner nächsten Reise mit einem anderen Projekt, vielleicht mit einem Schlagzeuger, werden vielleicht andere Leute dabei sein.
Martina Zimmermann: Hängt das von der Inspiration für den jeweiligen Song ab?
Cheikh Tidiane Seck: Von der geistigen Disposition des Musikers! Je nachdem, von wem und für wen das Ding ist, das ich mache, rufe ich diesen oder jenen an.
Martina Zimmermann: Du sagtest mir mal, dass du es als Glück und auch als Herausforderung betrachtest, herauszufinden, wie du dich mit diesem oder jenem Musiker anhörst ...
Cheikh Tidiane Seck: Das genieße ich.
Martina Zimmermann: Dann ist Sabaly also ein malisches Album? Journalisten wollen Etiketten ...
Cheikh Tidiane Seck: Es ist ein universelles Album. Ich definiere hier meine Persönlichkeit. Da ist nicht nur Mali drin. Wenn du genau hinhörst, hörst du die Recherche, die harmonische Ästhetik. Eigentlich ist es überhaupt kein malisches Album, auch, wenn ich mich als Malier bezeichne.
Martina Zimmermann: (lacht) Ich wollte dich nur provozieren!
Cheikh Tidiane Seck: Das hast du geschafft! Zeig’ mir ein Land auf der Welt, das bereit ist, für die Einheit der ganzen Region auf seine Unabhängigkeit zu verzichten: Mali ist das einzige. Wir sind bereit, unsere Unabhängigkeit für die Einheit Afrikas zu opfern. So steht es in unserer Nationalhymne!
Martina Zimmermann: Du wendest dich auch an die Europäer, wenn du von der Einwanderung singst.
Cheikh Tidiane Seck: Der Westen hat uns gegenüber immer Verachtung gezeigt. Das prangere ich an. Die jungen Menschen leiden in ihrer Heimat, weil die Reichtümer der Welt schlecht verteilt sind, es gibt ein Ungleichgewicht. Sie wollen andere Horizonte entdecken und müssen dafür ihr Leben riskieren! Als ob sie Tiere wären - und das wird verschwiegen. Das ist ein Drama. Wenn man davon redet, heißt es, sie sollten doch bei sich zu Hause bleiben. Aber Moment mal! Warum dürfen Güter und Waren reisen? Warum gibt es überall in Afrika Kolonialbauten? Nein! Jetzt braucht es mehr Menschlichkeit in der Politik dieser Welt. Ohne Menschlichkeit rennen wir alle gegen die Wand. Es wird immer Leute geben, aus deren Sorgen sich ein Trieb zum Terror entwickelt. Sie haben nichts mehr zu verlieren, wollen nur noch das Chaos. Um das zu vermeiden, müssen wir uns um die Übel der Menschheit kümmern. Alle müssen sich die Hand reichen. Wenn es in Israel oder Palästina ein Problem gibt, müssen sich alle betroffen fühlen. Wir wollen keine Trennung. Lasst uns die aufhalten, die uns voneinander trennen! Und lasst uns die kriegerischen Volksgruppen zwingen, sich gegenseitig zu verstehen. Unsere Gesellschaften brauchen eine bessere Lebenshygiene.
Martina Zimmermann: Ich bin vollkommen deiner Meinung, aber was derzeit in Frankreich und in Europa passiert, ist genau das Gegenteil.
Cheikh Tidiane Seck: Das müssen wir anprangern. Ich war schon bei den ersten Kämpfen der ersten Illegalen dabei, sang mit Claude Nougaro [1929-2004, frz. Dichter, Maler und Jazz-Sänger] und Jacques Higelin [geb. 1940, frz. Popsänger, der in den 60er Jahren bekannt wurde]. Menschen litten, weil man ihnen das Existenzrecht hier in Frankreich verweigerte. Die Welt ächzt, weil die Leute den Abszess nicht aufstechen wollen. Stell dir vor, wie viele Seelen auf den Weltmeeren verloren gingen! Stell dir vor, wie viele Menschen geopfert wurden! Warum wird ihnen kein Opfer dargebracht, warum fühlt sich keiner schuldig? Lasst uns das reinwaschen und die Wunden verbinden, für die Verantwortlichen und die, die es erleiden mussten. Lasst uns eine andere Welt entwerfen, mit mehr Gerechtigkeit und mehr Gleichheit für die gesamte Menschheit. Das ist die Botschaft meines Albums, aber sie ist versteckt.
Martina Zimmermann: Dieses Teilen ist auch etwas, das du in der Musik lebst.
Cheikh Tidiane Seck: Ich wollte schon immer Energien zusammenbringen. Ich träume von Bildern und versuche, diese zu verwirklichen. Ich hörte bei Dee Dee immer mehr Blues als Jazz, hörte sie näher an Afrika. Ich habe mir immer vorgestellt, dass Alan Stivell oder ein anderer keltischer Harfespieler ein Projekt mit Toumani machen sollte. Ich möchte alle großen italienischen Stimmen vereinen mit den Mandingo-Griots, Projekte in und mit Kalkutta machen, mit Gnawas, Mandingojägern und Pygmäen. In jeder Sekunde, die der liebe Gott geschaffen hat, passieren in meinem Kopf Millionen von musikalischen Kreationen. Das ist mein Leben.
Martina Zimmermann: Ist nach all den Abenteuern mit Musikern aus aller Welt einer mehr in Erinnerung geblieben als andere? War es mit einigen schwieriger als mit anderen?
Cheikh Tidiane Seck: Ich bin im Allgemeinen hart gegen mich selbst. Aber auch, wenn etwas weit weg ist, selbst wenn ich technisch nicht bereit bin, kann ich immer in allen Konfigurationen spielen. Das sage ich ohne jede Eitelkeit. Wenn ich mit meinem Schlagzeuger Marque Gilmore Drum & Bass und Jungle spiele, dann höre ich mich natürlich anders an als in meinen eigenen Formationen oder mit Dee Dee. Aber bei allem, ob mit Salif oder Zawinul, bleibt mein Touch erhalten. Das ist meine Persönlichkeit.
Aktuelle CD:
Cheikh Tidiane Seck: Sabaly (Universal Jazz France)
|
|
|
|