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Dissidenten - Die Rückkehr der Spice Boys |
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Von Thorsten Bednarz
Bild: Stefanie Seidl
Langsame Mühlen und Mondlandschaften
Und wenn man den etwas nicht vorwerfen kann, dann, dass sie sich nicht neu erfunden hätten. Der einzige Vorwurf, den man überhaupt machen könnte, wäre dieser: Warum mussten wir ganze elf Jahre warten? Das Warten hat sich gelohnt: Das Album, entstanden mit der Unterstützung der legendären marokkanischen Band Jil Jilala, ist ein scharf gewürztes Stückchen.
Aber manchmal mahlen die Mühlen langsam, und überhaupt ist es schon eine große Leistung, dass es die Dissidenten, die die Ablehnung jeglicher musikalischer Klischees quasi schon im Namen tragen, nach knapp 30 Jahren des Kampfes gegen täglich rigider werdende (Genre-)Grenzen in den Medien und Köpfen überhaupt noch am Start sind. Und sie sind wieder ein Stück weiter gegangen, haben zu den indischen, arabischen und afrikanischen Einflüssen, die neben Jazz und dem guten alten Krautrock bisher die wesentlichen Zutaten stellten, europäische Folklore und den guten alten Hardrock in homöopathischen Dosen in ihren Stilmix eingefügt. Sehr spicy, sehr laut und so irrwitzig, dass manch einem Freund von stilistisch geradliniger Musik der Kopf explodieren könnte.
Das merkte man auch jüngst bei den ersten Konzerten, im September in Berlin. Angeblich waren es die ersten beiden seit siebzehn Jahren in der Heimatstadt der Band. Die waren dafür laut genug, um noch den letzten Reste von Klischees aus den Köpfen des Publikums zu vertreiben. »Das fühlt sich irgendwie kostbar an«, sagt Friedo Josch, Flötist und hauptsächlich Betreiber des Dissidenten-eigenen Labels Exil. »Diese elf Jahre, das sind ja fast schon Mondlandschaften, die wir da durchquert haben. Und dass wir dann auch noch neue Inhalte gefunden haben, da bin ich besonders glücklich darüber.«
Neu/alt
Dabei sind diese »neuen Inhalte« doch eigentlich alte, die allerdings so in der Weltmusik bisher kaum auftauchten. In der Biographie der einzelnen Musiker dagegen ist Rockmusik auch der lauten Art ein fester Bestandteil. Wer sich noch an Bands wie Missus Beastly oder die Real Ax Band erinnern kann, der weiß auch noch, dass sie nicht gerade leise waren. »Ja komisch, irgendwie. Hätte ich jedenfalls noch nicht gedacht, dass wir jemals so eine Platte machen«, meint Josch. »Weder vor zwei Jahren noch vor 10 Jahren. Allerdings hätte ich auch nie gedacht, dass wir Instinctive Traveler [1997] machen, eine Platte auf Englisch gesungen also. Und dass überhaupt jemand eine Platte wie Sahara Elektrik macht, hätte vor 25 Jahren, als die rauskam, auch keiner gedacht. Für mich war es dann doch wieder eine tolle Herausforderung, mit einer neuen eigenen Platte an den Start zu gehen, sie in den Medien zu platzieren. Das ist doch etwas anderes, als die Platten von anderen Musikern zu vertreiben.«
Da wird dann auch am Pressetext gefeilt, Fotosessions werden immer wieder verschoben und und und. Dieser Drang zur Perfektion scheint, von außen gesehen, beinahe nervenaufreibender und widersprüchlicher zu sein als der des Aufnahmeprozesses selbst. Da stellt man sich vielleicht auch manchmal selbst ein Bein. Ebenso mit den schon traditionell langen Wartezeiten auf ein neues Album der Weltbeat-Pioniere: »Ideen haben wir schon. Haben wir immer. Aber die Realisation ist nicht so einfach. Es ist ja immer eine Gratwanderung. Wir sind ständig auf der Suche nach Abenteuern, und wenn wir irgendwann entdecken, dass die Welt viereckig ist, würde uns das nicht im Entferntesten wundern! Und dann trifft man natürlich immer wieder auf Menschen mit ihren ganz verschiedenen Ansichten, Mentalitäten und auch Anforderungen. Nicht einmal Menschen, die direkt in die Musik mit einbezogen sind. Aber in vielen afrikanischen Ländern werden viele Hände aufgehalten, bevor man etwas auf die Beine stellen kann. Das klingt nicht politisch korrekt, ist aber ein harter Fakt, da kann man jeden einzelnen Afrikaner fragen. Man kann sich musikalisch noch so gut verstehen, aber im Geschäft – mit dem wir uns dann ja auch auseinandersetzen müssen, wenn wir Platten verkaufen wollen – kommen andere Ebenen dazu, auf denen unsere Ansichten vielleicht kollidieren. Und da Kompromisse zu finden, die nicht auf die Musik durchschlagen, kostet manchmal Zeit. Viel Zeit.«
Manchmal dauert es sogar Jahre, bis man allenthalben auf einer gemeinsamen Ebene angekommen ist. Dafür ergeben sich aber auch Freundschaften, die über lange Jahre hinweg Bestand haben, und man findet zu Arbeitsweisen, die immer auf einen gemeinsamen Punkt zulaufen. Das gilt im engeren Rahmen auch für die drei Dissidenten selbst. Uve Müllrich (b, keyb, voc) beschäftigte sich lange Zeit mit einer Donau-Oper, während Marlon Klein (dr, keyb, voc) ein vielbeschäftigter Produzent und Sessionmusiker ist und Friedo Josch mehr der technische Direktor und Mann fürs Geschäft wurde. Was ihn selbst zwar ein wenig wundert, aber sozusagen die logische Kehrseite der über die Jahre hinweg erworbenen Autonomie im Musikgeschäft darstellt. Schließlich sind geschäftliche Kontakte noch sensibler zu handhaben und zu pflegen als die musikalischen. Josch selbst kommt daher zu einer eher geringen Einschätzung des eigenen musikalischen Beitrags. Fakt ist zumindest, dass er das Studio meist relativ spät betritt, wenn seine beiden Kollegen schon ein gefestigtes Bild von der Struktur der neuen CD haben. Aber ohne sein prägnantes Flötenspiel - das schon von amerikanischen Musikern wie Foxy Brown gesampelt wurde - wären die Songs des neuen Albums nicht komplett.
Eigenleben
Und so schnell schießen auch die Dissidenten nicht. Immerhin saß Bassist Müllrich schon vor rund 10 Jahren bei einem Freund und hörte dessen CD-Sammlung durch. Dabei stieß er auch auf ein Album der schwedisch/norwegischen Band Hedningarna, die den Klang von Drehleiern mit Kettensägen und Grunge-Gitarren kombinierte: eins von vielen Ereignissen, die schließlich zum neuen Sound der Dissidenten führten. Schließlich weiß auch ein Musiker oft nicht, dass er etwas Neues geschaffen hat. »Für mich hat Sahara Elektrik anfangs eher komisch geklungen vom Sound her, das war irgendwie so blechern. Aber in Spanien wurden wir gefeiert als die Helden von etwas ganz Neuem. Aber wenn der Titel ›Fata Morgana‹ lief, stand alles Kopf. Und wenn hinterher Depeche Mode in der Disco lief, war das auch okay für die Leute.«
Gerade dieser Song entwickelte ein ungeahntes Eigenleben; auf der Webseite der Dissidenten kann man ihn sogar als Andenfolklore erleben, von der Raubfassung, die sich in Brasilien über eine Million mal verkaufte, gar nicht zu sprechen! Da ist es auch »erlaubt«, ihn fürs eigene neue Album selbst zu »covern«: »Daraus entsteht dann natürlich auch der Anspruch, selbst immer was Besonderes machen zu wollen. Wir wollen nicht Folklore oder Jazzer oder Weltmusik sein, wir wollen frei sein. Aber das geht nicht so einfach. Die Leute kennen dich und deine Musik ja, und dann wirst du irgendwie eingeordnet. Wenn ich jetzt sage, dass wir immer populäre Musik machen wollten, klingt das sehr komisch und irgendwie marktmäßig zugeschneidert. Aber kann man denn nicht populäre Musik machen, die mit arabischem Gesang und indischer Perkussion daherkommt?!«
Mit ihrem neuen Album Tanger Sessions ist den Dissidenten diese »kleine Revolution« jedenfalls gelungen. Es wäre kein Wunder, wenn man die CD in anderen Ländern als eine der kreativsten musikalischen Entwicklungen aus Deutschland der letzten 15 Jahre behandelt (was sie auf ihre Art auch ist). Dass die Band in Deutschland eher als Philosoph im eigenen Land gilt - auch, was Plattenverkäufe und die Anzahl der Konzerte angeht -, daran mussten sich die drei Musiker in den letzten 25 Jahren gewöhnen. Tanger Sessions hält alle Versprechen, die in den vergangenen elf Jahren von den Dissidenten gemacht wurden, ist eine der großen Überraschungen dieses Jahres und ist von einer Qualität, dass sich auch elf Jahre Wartens gelohnt haben. Und man noch mal weitere elf Jahre auf mehr warten würde...
Aktuelle CD:
Dissidenten & Jil Jilala: Tanger Sessions (Exil / Indigo)
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