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Matuto - Musikalische Wiedervereinigung beider Amerikas |
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Von Franz X.A. Zipperer
Doch Brasilien ist groß und überaus reich an vielen weiteren reizvollen Klangkosmen, die es wert sind, erforscht und gehört zu werden. Doch kann bei derartigen Forschungen durchaus Unerwartetes passieren.
Der Klangzauber Brasiliens
Der amerikanische Gitarrist Clay Ross wächst im Staat South Carolina auf, dessen Hauptstadt Charleston einst einer der Dreh- und Angelpunkte für den Handel mit Sklaven aus Afrika war. Dort wird er mit ein wenig Jazz und viel Appalachen-Bluegrass infiziert. Doch der Jazz zählt mehr. Ross tut das, was viele ländliche Jazzmusiker tun: Er erliegt der ansteckenden Sehnsucht, die von den großen Städten und ihrer Kreativszene geweckt wird. Clay Ross zieht nach New York und taucht Nacht für Nacht in die Bohemien-Atmosphäre des Small’s Jazzclub in 183 West 10th Street in Greenwich Village ein.
»Einer der ersten Künstler, denen ich dort bei einer Jam-Session begegnete, war der spanische Akkordeonspieler Victor Prieto«, erinnert sich Clay Ross. »Er führte mich in eine ganze Reihe lateinamerikanischer Klangfarben ein, auch in den brasilianischen Chorinho, einen aufregenden melancholischen Stil, der aus der Gegend von Rio de Janeiro stammt.« Schnell genießt Clay Ross eine hohe Reputation als ein Gitarrist, der mühelos Brücken baut zwischen Jazz und Musik aus vielen Winkeln Brasiliens. »Ich habe einfach jeden angequatscht, der brasilianische Musik pflegte«, fährt er fort. »Vor allem suchte ich nach brasilianischen Musikern, von denen es im Big Apple mehr als genug gibt.«
Doch Ross sucht auch nach dem echten Brasilien und macht sich 2007 nach Rio de Janeiro auf. Einer dieser vielen brasilianischstämmigen, aber bereits in New York geborenen Musiker ist der Akkordeonist Rob Curto. Zu Studien war auch er in Brasilien, wo er den musikalischen Traditionen nachgespürt und sich bei den großen Akkordeonisten des Landes - José Domingos de Morais, weitaus bekannter unter dem Namen Dominguinhos, Arlindo dos Oito Baixos, Camarão und Silveirinha - Inspiration geholt hat. Zurück in New York setzt Rob Curto sein Spiel dem dortigen kreativen Schmelztiegel aus. »Einerseits war ich von nordamerikanischem Swing, Bebop, Funk, Rock und Blues beeinflusst«, erklärt er, »andererseits hatte ich die brasilianischen Gegenstücke dazu im Gepäck: Forró, Chorinho, Samba, Maracatu und Frevo.«
Auf der musikalischen Lieblingsliste von Rob Curto steht Forró ganz oben. Seine Nachdrücklichkeit führt dazu, dass er schon bald als Botschafter dieser Tanzmusik aus Nordbrasilien bezeichnet wird und in den Tanzdielen New Yorks eine wahre Forró-Hysterie auslöst. Fast zwangsläufig begegnen sich Curto und Ross, und ihre Begegnung ist Anstoß zur Bandgründung von Matuto, was so viel bedeutet wie Hinterwäldler - jedoch ohne die negative Konnotation, die der Begriff im Deutschen hat.
Die Reise nach Brasilien
Clay Ross und Rob Curto schmeißen ihre musikalischen Visionen zusammen und entwickeln so ein Repertoire aus panamerikanischen Einflüssen. Und das auf eine so beeindruckende Art und Weise, dass sie 2009 gemeinsam mit Matuto-Schlagzeuger Richie Barshay und Bassist Edward Perez und mit Hilfe von Stiftungsgeldern zu einem sechswöchigen Studienaufenthalt nach Recife im Nordosten Brasiliens aufbrechen können. Während Curto sich weiter der reichen Tradition der brasilianischen Adaption von Akkordeonmusik widmet, hat Ross so etwas wie ein Déjà-vu. »Recife ist der Punkt auf der brasilianischen Landkarte, der Afrika am nächsten ist«, sinniert er, »und plötzlich rückte Recife einem weiteren geografischen Ort näher: Charleston in South Carolina. Auch Recife war ein Sklavenumschlagplatz.« Aus dieser Erkenntnis folgt eine weitere. »Da gab es ein bestimmtes Stück, das ich immer wieder hörte: ›Voa Ilza‹ von Hermeto Pascoal. Erst nachdem diese Sklavenanalogie durch mein Hirn gewandert war, hörte mein Ohr deutlicher hin. Darin klang die Melodielinie einer Fidel, einer Bluegrass-Fiddle.«
Bluegrass, eine Musik, die er bisher eher verachtet hatte, ist ihm plötzlich zugänglich. Ganz weit von zu Hause entfernt, ist er plötzlich daheim. So musste Clay Ross erst nach Brasilien reisen, um mit der Musik seiner ursprünglichen Heimat, dem Bluegrass, Frieden zu schließen. Jetzt kommt der Rest der Truppe wieder ins Spiel. Ross packt Lieder aus seiner nordamerikanischen ländlichen Sozialisation aus, Stücke wie »Home Sweet Home« oder Blind Willie Johnsons »John the Revelator«, und spielt sie mit seinen Kollegen im Rhythmus der nordbrasilianischen Klänge des Maracatu, Forró oder Coco. Das Ergebnis ist frappierend und schlichtweg faszinierend.
Kreativer Schmelztiegel New York
Zurück in New York setzen sich Ross und Curto hin, komponieren in diesem Bluegrass-Forró eigenes Material oder nehmen sich Klassiker aus beiden Sphären vor und bringen sie in der neuen Stilistik auf Kurs. Die heimatlichen Appalachen von Clay Ross schicken etwa »Banks of the Ohio« ins Rennen, und für Südamerika tritt beispielsweise »Retrato de um Forró« an. »Über allem wachen zwei unserer größten Helden«, blickt Rob Curto ehrfurchtsvoll gen Himmel, »der Vater des Bluegrass, der 1996 verstorbene William Smith ›Bill‹ Monroe, und der große, 1989 verstorbene Akkordeonist Luiz Gonzaga, dem das Verdienst gebührt, die typische Musik des brasilianischen Nordostens überregional bekannt gemacht zu haben.«
Um den Matuto-Klang weiter zu differenzieren und ihm noch einen Schuss urbaner Geräuschkulisse zuzusetzen, rekrutieren die Brasilienreisenden weitere Mitstreiter. Zur Besetzung, die auf der Matuto betitelten Debüt-CD zu hören ist, zählen neben den bereits Genannten der Perkussionist Zé Mauricio und der Fidel-Spieler Rob Hecht. Der Mitgereiste Edward Perez wird in New York durch den Bassisten Skip Ward ersetzt.
Die zwölf Stücke, die nun auf der Platte zugänglich sind, haben so gar nichts Gewolltes an sich. Sie klingen leicht und locker, wie in einem kulturellen Dialog organisch gewachsen. Und, fast um noch zu unterstreichen, dass die Musiker knöcheltief im Hier und Jetzt stehen, jagt Rob Curto sein Akkordeon durch eine Armada von Effektpedalen, mit denen jeder Heavy-Metal-Gitarrist mehr als nur eine gute Figur machen würde. Clay Ross spielt mit Surf-Anleihen, und die Soli von Rob Hechts Fidel würde jede Jury für Jazzimprovisation mit Höchstnoten bewerten.
Durch den Einsatz einer Alfaia, der leichten brasilianischen Basstrommel aus Holz, die mit Naturfell bezogen ist und mit Stricken gestimmt wird, eines tamburinartigen Pandeiro, eines gebogenen Holzstocks, an dessen beiden Enden eine Saite befestigt ist, und eines aufgeschnittenen, ausgehöhlten Flaschenkürbis’, dem Berimbau, und zweier miteinander verbundenen, unterschiedlich großen, länglich-kegelförmigen Metallglocken, dem Agogô, legen Matuto einen Groovefaktor an den Tag, der derzeit seinesgleichen sucht. So verwundert es auch nicht, dass dieses Musikgebräu alle, die sich daran laben, zu wilden Tänzen veranlasst.
Matuto bringen im Häuserdschungel von New York die musikalischen Welten Nord- und Südamerikas zusammen und arbeiten dabei das Gegensätzliche genauso heraus wie das Verbindende. Gleichzeitig zeigen sie, wie die europäischen Instrumente Fidel und Akkordeon ihren Weg in die Musikkultur des amerikanischen Nordens genauso gefunden haben wie in die des Südens.
Aktuelle CD:
Matuto: Matuto (Galileo MC)
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