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Mayra Andrade - Allein und doch verbunden |
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Von Henry Altmann
Bild: Joao Wainer
Auch wenn sie die Tradition der großen kapverdischen Stimmen einer Césaria Évora oder Lura fortführt, wehrt sie sich vehement dagegen, eine kapverdische Sängerin zu sein: »Ich bin einfach Sängerin und Punkt. Musik war schon immer Teil meines Lebens.«
Aus der Kehle gebürstet
Tatsächlich atmet Andrades Musik weit mehr als die typische Melancholie der kapverdischen Wellen. Da weht es vom 460 km nahen schwarzafrikanischen Kontinent herüber, schlägt rhythmische Unterfütterung aus brasilianischen Gefilden heftig an den Strand, und immer wieder arbeitet sich ein angekratzter Schleifpapierstärke-180-Flamenco-cante-jondo-Gesang aus Andrades Kehle heraus, live allemal gut für eine Art Scat, rau und lang. Man beachte, wie sie z.B. Antonio Carlos Jobims Klassiker »A Felicidade« vorträgt, mit diesem um drei Vierteltöne verzögerten Einsatz in der zweiten Phrase, diesen lässig hingeworfenen Tönen, die klingen, als ob da eine abgehangene 60-Jährige sänge und nicht eine gerade dem Backfischalter entwachsene 20-Jährige.
Den geschmeidigen Arrangements von Jacques Morelenbaum und Lincoln Olivetti von Stória, Stória ..., Andrades neuem Album, verleihen Leihpianisten wie der kubanische Shootingstar Roberto Fonseca wildere Würze. Insgesamt hat der brasilianische Produzent Alê Siqueira, der bereits für Marisa Monte, Caetano Veloso oder Tom Zê gearbeitet hat, der Sängerin den einen oder anderen rauen Ton aus der Kehle gebürstet und so den Sound ihres Œuvres den Vorgenannten phasenweise recht nahe gerückt. Neben ihrer Stammbesetzung, einem Drei-Säulen-Modell mit dem kamerunischen Bassisten Etienne M’Bappé, dem brasilianischen Perkussionisten Ze Luis Nascimiento und dem kapverdischen Multiinstrumentalisten Kim Alvés Mayra, hat sich die Sängerin der Dienste weiterer Musiker versichert, aus Afrika, aus Kuba und aus Brasilien. Dadurch wird das Album ein bisschen uneinheitlich, der Zuhörer muss sich auf ein paar gewaltige transatlantische und stilistische Sprünge einstellen zwischen französisch angehauchten Popsongs, afrikanisch Geprägtem, lupenreinen brasilianischen Popgrooves und kapverdischer Tradition, gesungen auf Kreolisch, dem »Krioulo«. Fühlt man sich bei so viel Polyglotterie nicht manchmal mit sich selbst verloren? »Ich habe mich nie orientierungslos gefühlt damit«, versetzt Mayra Andrade. »Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut und mit meiner Herkunft. Das war nie ein Problem. Ich bin all das zur gleichen Zeit. Außerdem bin ich sehr stolz auf das Land, aus dem ich komme. Es hat eine so reiche Kultur.«
Allopatrisch
Kann man wohl sagen. Auf den neun bewohnten Kapverden-Inseln gibt es etwa fünfzig verschieden Musikstile - brasilienlastige wie die Bandiera, portugiesische, die an Fado erinnernde Morna, afrikanisch ziselierte, melancholische wie die Batuku. Ein Eldorado für Musikwissenschaftler und Hörer. In der Biologie nennt man so was »allopatrische Artbildung«, wenn - durch geografische Barrieren voneinander getrennt - zwei Populationen neue Arten etablieren.
Trotz dieses Artenreichtums wollte Mayra Andrade immer weg von der bloßen Wiedergabe der kapverdischen Musiktradition: »Zu Beginn meiner Karriere war es mein Ehrgeiz, eine andere Musik als die traditionelle der Kapverden zu machen. Ich wusste nicht genau, wie, aber ich wusste, dass! Ich fühle mich zwar sehr verwurzelt in meiner Kultur, aber zugleich auch sehr durchlässig anderen Stilen gegenüber. Diese Entwicklung kam so nach und nach.«
Auf Kuba geboren, verschlug es die 24-Jährige nach der Kapverdenzeit u.a. jeweils zwei Jahre in den Senegal, nach Angola und für drei Jahre nach Deutschland. Wenn es aber so etwas wie eine zweite Heimat gibt, dann ist das Frankreich für Andrade: »Sieben Jahre!«, wie sie stolz verkündet: »Schon seit ich sechs bin, spreche ich Französisch. Es ist praktisch meine zweite Muttersprache.« Das und der Umstand, dass man in Paris Musiker aller Couleur findet, war ihr Grund genug, dort mit 17 ihr Lager aufzuschlagen. Da sang sie bereits, traditionelle Lieder ihrer Heimat, ein Repertoire, das sie dann sukzessiv mit brasilianischen Songs und französischen Chansons erweiterte. Als 16-Jährige hatte sie in Kanada 2001 bereits den Preis als beste Sängerin bei den »Jeux de la Francophonie« gewonnen, vier Jahre später hörte man sie auf einem Album im Duett mit Chansonlegende Charles Aznavour, ihr Debütalbum Navega gewann in Deutschland 2007 den »Preis der Deutschen Schallplattenkritik«, ein Jahr später den renommierten »BBC-Award for World Music« in der Sparte Newcomer.
Die Metropole Paris hat diesem Prozess sicher als Geburtshelfer gedient: »Paris ist natürlich sehr kosmopolitisch, da kannst du alles finden, ein Terrain, in dem man Zugang zur ganzen Welt hat, ein Laboratorium fürs Herumspielen.« Und das tut die Autodidaktin und notenlose Gehörmusikern Andrade gern, vor allem mit der Gitarre in der Hand: »Es ist keine bewusste Wahl, es ist nicht sehr überlegt. Ich rationalisiere das nicht. Ich stelle mir das Lied einfach vor, ich stelle mir die Instrumente vor, die ich will - und am Ende gibt es ja Leute, die das dann so umsetzen, wie ich mir es vorstelle. ›Juána‹ von Kaka Barboza ist aus den 80er Jahren, für ›Odjus Fitchádu‹ habe ich einen Text geschrieben und wollte dafür einen speziellen kapverdischen Rhythmus, eine ›Coladeira‹ haben. Alle anderen Songs sind unveröffentlichte Lieder, um die ich die Komponisten bat oder die sie mir auch einfach so zuschickten, oder sie entstanden aus einer Zusammenarbeit heraus. Die Arrangements habe ich zusammen mit Alê Siqueira gemacht, wir hatten lange Skype-Konferenzen mit oft denselben Ideen, das war ein langer Prozess.«
Auf Touren
Mayra Andrade steht mit ihrer Vielfältigkeit durchaus in der Tradition der sogenannten »Pantera«-Generation, benannt nach dem 2001 jung verstorbenen kapverdischen Komponisten Orlando Pantera, Impulsgeber für die Musikszene der Kapverden in den 90ern, die sich nach Césaria Évoras Erfolg im eigenen Saft drehte. Musiker wie die Gitarristen Bau oder Tcheka, die Sängerinnen Sara Tavares, Lura oder eben Mayra Andrade haben die lasziven und langsameren Rhythmen der Kapverden auf Touren gebracht, funkiger gemacht, mit neuen Instrumente einen neuen Sound etabliert. Vier von Panteras Songs hat Andrade auf ihrem Debütalbum gecovert. Dass sie aber auch ganz anders kann, als ihre unprätentiöse und ruhige Bühnenpräsenz glauben machen kann, zeigen die Abnutzungsspuren am Schlagbrett ihrer Gitarre, mit der sie - zuweilen - ganz allein und ohne Band auftritt: »Auf Tournee habe ich fünf Musiker. Da entwickeln wir die Musik der Studio-CD zurück auf die Live-Situation. Da muss man einen anderen Weg einschlagen und eben nicht die CD kopieren. Das bedeutet, dass man einiges weglassen muss, das ist also eine ganz andere Sache.«
Zweifellos wird Mayra Andrade mit dem neuen Album Storia, Stória … auf dem Weg des Erfolges weiterwandeln, einem Album, das, melodiös und sorgsam produziert, ein wenig von allem enthält, was den überaus reichen Kosmos der singenden Ausnahme-Weltbürgerin ausmacht: Das Inseldasein, allein und doch verbunden. Irgendwie.
Aktuelles Album:
Mayra Andrade: Stória, Stória … (RCA Victor / Sony)
Tourdaten:
2.7. Ludwigsburg - Kunstzentrum Karlskasern
3.7. Salzau - Jazzbaltica
16.7. Darmstadt - Centralstation
18.7. Kassel - Kulturzelt
19.7. Karlsruhe - Tollhaus
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