|
|
Home Archiv Melingo - Verdammter Tango |
|
Melingo - Verdammter Tango |
|
Von Thorsten Bednarz
Daniel Melingo sorgte schon für Furore, als er in Zeiten der Militärdiktatur als Rock’n’Roll-Animal durch die argentinischen Lande zog und den zusammengebrochenen Moralvorstellungen der oberen Zehntausend auf seine Art einen Spiegel vorhielt – in einer unvergleichlichen Mischung aus der Punk-Subversion und der Sorglosigkeit des Bohemiens, der nur in der Kunst wirkliche Erfüllung findet. Los Abuelos De La Nada – die Großväter des Nichts - hieß seine damalige Band; da schon lang vergessen, dass er einst am Konservatorium eine fundierte musikalische Ausbildung durchlaufen hatte. Bewahrt hat er sich dagegen den eigenwilligen Humor, das um den Hals geschlungene Seidentuch, welches gar nicht so recht zum Rest des eher legeren Sängers mit seiner ungezähmten Lockenmähne passen will. Der verwegene Charme, den der Kettenraucher vom Cover seines neuen Albums ausstrahlt, entsteht erst wieder, wenn er mit erstaunlich leiser Stimme auf die Fragen antwortet, gern ins Philosophische abgleitet und dabei die Dolmetscherin ein ums andere Mal in Verlegenheit bringt.
Doch der Tango, so gesteht er, habe ihn schon in seiner Jugend gefangen genommen: »Ich habe ihn damals nur noch nicht selbst gespielt – schon gar nicht professionell. Erst nach zehn Jahren [im spanischen Exil] lernte ich die Technik des Tango zu beherrschen. Er war zum Bedürfnis geworden, zum Kommunikationsmittel, was sicherlich mit dem Heimweh nach der Heimat zusammenhing. Denn wenn ich etwas mit meiner Kindheit und meiner Familie assoziierte, dann waren es die Tangos, die ständig im Radio liefen.«
Tango bedeutet auch harte Arbeit für Melingo. Denn obwohl er schon vor zehn Jahren begann, sich dem Tango zu widmen, nimmt er seit sieben Jahren klassischen Gesangsunterricht, um ihn auch adäquat singen zu können. Gerade die theoretische Seite der Musik neu zu erfahren, war für den gestandenen Rockmusiker schwierig. »Aber ich habe mir auch die intuitive Seite des Rock erhalten!«, betont er. »Vieles mache ich noch immer ganz intuitiv. Aber wenn ich jetzt Tangoaufnahmen höre, kann ich auch über die Kenntnis der Theorie etwas herstellen, bevor ich intuitiv mein eigenes Ding draus mache. Die eigene Note zu finden ist wichtig, um einen eigenen Stil zu entwickeln. Aber ohne die Theorie könnte ich mich nicht dem Original stellen. Es wäre immer nur ein Versuch, etwas zu singen, das ich nicht bewältigen kann.« Dafür geht der Musiker weit zurück in die Vergangenheit des Tango, scheint die Zeit des großen Astor Piazzolla und des Tango Nuevo scheinbar auszublenden. »In der Rockmusik ist es wichtig, dass man seine Lieder so intensiv interpretiert wie möglich, ohne falsche Vorsicht oder Rücksichtnahme«, erklärt er. »Dieses Element des Unmittelbaren gab es auch im Tango eines Carlos Gardel, es wurde erst später von Piazzolla ... zwar nicht abgeschafft, aber doch umgestaltet oder überformt. Als Sänger brauche ich aber die unmittelbare Energie und Ausdruckskraft, um wieder anzusetzen. Einige nennen es neo-traditionalistisch. Vielleicht stimmt das sogar. Darüber denke ich nicht nach, denn ich will ja nicht in den Traditionen leben. Aber es sind die Wurzeln, aus denen neues Leben entspringt.«
Ein neues Leben, in dem auch die Erfahrungen eines Lou Reed, eines Leonard Cohen oder Nick Cave Platz haben, wodurch Melingos Tangos teilweise so eigenwillig klingen wie einst Iggy Pops »In The Deathcar«, das er gemeinsam mit einem bulgarischen Frauenchor für Emir Kusturicas Film Arizona Dream (1993) einsang. Man versteht intuitiv, woher die Musik kommt, ohne sie wirklich verorten zu können. Denn die Tangos von Melingo sind fühlbar und gefühlvoll, ohne sich ganz dem Leiden hinzugeben. Sie fordern, haben Ecken und Kanten, an denen sich die Tänzer blaue Flecken holen, wenn sie sich vom Sentiment mitnehmen lassen und alles andere vergessen. Und trotzdem (oder gerade deswegen) laden die Konzerte Melingos auch zum Tanzen ein. Man darf gespannt sein, ob die Rock- oder die Tangofraktion in Deutschland die Oberhand gewinnt. Und auch, wie Melingo mit dem deutschen Rauchverbot klarkommen wird. Ein altes leidenschaftliches Laster, das er mit Carlos Gardel gemein hat, dessen treue Fans seiner Statue auf dem Grab noch heute brennende Zigaretten zwischen die Finger klemmen ...
Aktuelle CD:
Melingo: Maldito Tango (Manana / Naive)
Melingo live:
16.4. Köln – Stadtgarten
17.4. Hamburg – Fabrik
18.4. Leipzig - UT Connewitz
19.4. Berlin - Ballhaus Rixdorf
|
|
|
|