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Donnerstag, 9. September 2010

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RotFront - Die Faust im Hauptstadtgewühl E-Mail
Von Klaus Hübner
Fotos von Maak Roberts
RotFront
Kämpferbund und Kaffee Burger

Rotfrontkämpfer grüßten sich mit dem Wort »Rotfront« und hoben dabei ruckartig den rechten Unterarm mit der zur Faust geballten Hand bis auf Kopfhöhe. Die Faust symbolisierte die Kraft der Arbeiterklasse, die sich natürlich gern mit Tugenden wie Stärke und Widerstandskraft assoziieren ließ. Während der Weimarer Republik richtete die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) 1924 eine paramilitärische Schutztruppe ein, der sie den Namen »Roter Frontkämpferbund« gab. Der Bund gab ehemaligen Soldaten ein Zuhause, wurde aber 1929 vom preußischen Innenminister verboten.

Nachdem sechzig Jahre danach die in brüderlicher Freundschaft gehassliebten Russen im Zuge der deutschen Einheit aus Ostdeutschland und dem östlichen Teil Berlins abgezogen waren, tat sich für einige Zeit ein Vakuum auf, das seine russenlose Realität in der ehemaligen Frontstadt voll auslebte. Rotfront ade, der neue Geist wehte durch die ehemaligen Sektoren der einst Alliierten. Bis plötzlich die »Russendisko« im Kaffee Burger in der Torstraße in Berlin-Mitte dem neuen Russengefühl eine Heimstatt gab. Antreiber war der russische Schriftsteller Wladimir Kaminer, der am Ende der Gorbatschow-Ära aus Moskau nach Berlin emigrierte und mit seinem Buch Russendisko den gesellschaftlichen Unterbau lieferte. Peinlich genau beschreibt der russische Emigrant in fünfzig Erzählungen den Berliner Alltag zwischen Kiez und Kultur. Die Disco wurde zur Heimstatt osteuropäischer Emigranten, die ihre Musik und Kultur mitbrachten und kräftig unter die westlichen Zeitgenossen mischten.

In den Nachwehen dieser Umbruchzeiten enterte eine zweite Generation russischer Jungmenschen die Hauptstadt. Yuriy Gurzhy aus der Ukraine war Teil Zwei der Russendisko, neben Kaminer. Nun ist er ein Teil von RotFront, die ohne Paradeuniformen und Panzerwagen, dafür mit basistauglicher Musik und dem unbedingten Willen, das Herz der russischen Seele zu zeigen, wieder an Spree und Havel präsent ist. In der Berliner Republik fliegen zwar die Fäuste, die Arbeiterklasse aber, stetig dezimiert durch globale Wirtschaftskrisen und Gewinnmaximierung, versteckt den Gruß im Geschichtsarchiv. Zweiter Stützpfeiler des musikalischen Kollektivs ist der aus Ungarn stammende Musiker Simon Wahorn. Gurzhy und Wahron gründeten 2003 die RotFront, ein Partymuckekollektiv, das - je nach Bedarf von sieben über zwölf auf bis zu fünfzehn Musikern verstärkt - voll auf den Punkt arbeitet.

Raggamuffin und Bundestag
RotFront
Nichts mehr wird so heiß gegessen, wie es gekocht wurde. Das trifft auch auf RotFront und Emigrantski Raggamuffin zu, denn trotz des martialischen Namens förderte die Initiative Musik das Album mit Projektmitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem ein Beschluss des Deutschen Bundestages zugrunde liegt. RotFront in staatlicher Umarmung gewissermaßen, und mit dem Segen der öffentlichen Hand versehen. 2009 wurden mehr als zwei Millionen Euro zur Förderung für Künstler und Musikunternehmen im Kernbereich aus Rock, Pop und Jazz bereitgestellt. RotFront gehörte zur dritten Förderrunde, in der auch Gebhard Ullmann, Mia, Denyo und das Trio Ivoire sich über Unterstützung freuen konnten.

Der Begriff »Emigrantski« bezieht sich nicht ausschließlich auf die vielfarbige, multikulturelle Gesellschaft Berlins. Sie nimmt auch für sich in Anspruch, den musikalischen Hintergrund der in der Hauptstadt lebenden Ausländer zur musikalischen Horizonterweiterung zu nutzen. RotFront verarbeitet Klezmer und Gypsy-Klänge, Polka, Cumbia (ein kolumbianischer Paartanz) und Ska. Was anfangs wie die Grundsteinlegung für eine Parallelgesellschaft in Berlin aussah, entwickelte sich zu einem multikulturellen Eventkosmos. Der Horizont des musikalischen Outputs erscheint endlos – wer Ska heraushört und Reggae, der liegt auf Emigrantski-Linie, so, wie auch die Pfadfinder von Klezmer, Polka oder lupenreinem Rock richtig kombinieren.

Auf Raggamuffin gebettet, arbeitet sich die RotFront auf ihrem ersten Album siebzehnfach durch die Lebensbereiche emigrierter Russen im Westen und besingt gemeinsam mit Miss Flint funkelnde Zigeuneraugen. In vielen Nuancen schwingt der anarchistische Charme von musikalischen Raubeinen und Spaßmachern wie Ne Zhdali und den Leningrad Cowboys mit. Den Kraftwerk-Song »Die Roboter« coverte RotFront für den Sampler Russendisko Hits 1. Auf dem aktuellen Album erwischte es »Remmidemmi« von Deichkind, das zu einer Heavy-Metal-mäßigen Brachialkrachversion mit Ska-Gerüst verwurstet wurde. Doch schon ganz am Anfang der Platte singt RotFront ein hohes Lied auf Berlin – »B-Style«. Im korrekten HipHop (oft mit spießig wirkenden Bläsersätzen angereichert) reimt sich in dieser Hymne »Wo kommt die Currywurst und wo kommt der Döner her« auf »Also erzähl’ mir nicht, dass es woanders schöner wär«. Fazit: »Ich bleib in Berlin, bis ich sterbe.«


Aktuelles Album:
RotFront: Emigrantski Raggamuffin (Essay Recordings / Indigo)

Websites:
www.rotfront.com
www.russendisko.de
www.kaffeeburger.de