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Samstag, 4. Februar 2012

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Rupa & The April Fishes zelebrieren den Unterschied E-Mail
Von Franz X.A. ZippererRupa & The April Fishes zelebrieren den Unterschied
Bild: Lars Howlett

Nomadenmusik

Dort lässt sie sich tagsüber zur Ärztin und des Nachts von der Straße und den Minibühnen zur Sängerin ausbilden. Erst als Solistin, dann im Duo mit Cellist Ed Baskerville, aus dem ein musikalisches Licht wird, das andere Künstlerinnen und Künstler wie Motten anzieht. Auf die TripHop-Jazz-Trompete von Marcus Cohen folgt das Akkordeon von Isabel Douglas. Aaron Kierbel schlägt dazu den Takt und Safa Shokrai zupft die fetten Saiten. Die Musik der wilden Truppe, die nun als Rupa & The April Fishes auftritt, franst in alle Richtungen aus. Ein besoffenes Musette-Akkordeon fordert ein tränentriefendes Cello zum Duell. Balkaneskes überrumpelt das Chanson. Sehnsüchtiger Klezmer umarmt amerikanischen Folk. Karibik-Reggae misst sich mit mexikanischem Mariachi-Gebläse. Und über einem Flamenco-Teppich wird gerappt. Ein wahrer genrebefreiter Völkerball.

»Das kommt davon, wenn der Vater kreuz und quer Johnny Cash, Roger Miller und alte indische Ghazals hört, die Mutter geradezu besessen ist von Chopin und den Beatles«, offenbart Rupa Marya den Soundtrack ihrer Kindheit. »Auf den Straßen von San Francisco wurde ich mit Bob Dylan, Bob Marley und The Police beschallt. In Frankreich entdeckte ich Serge Gainsbourg und Georges Brassens. Das alles hat meine Klangidentität geprägt. Musikalisch bin ich demnach überall und nirgends zu Hause.«

Von anderen lernen

Mit Este Mundo haben Rupa & The April Fishes gerade ihr zweites Album vorgelegt. Entsprechend des polyglotten Hintergrundes wird in Französisch, Spanisch und Englisch gesungen. »Es ist die Musik des einzelnen Liedes, die nach der jeweiligen Sprache verlangt«, erklärt Rupa Marya. »Die Sprache benutze ich, wie ein Maler Farbe von seine Palette nimmt.« Man muss nicht der drei Sprachen mächtig sein, um sofort von ihren Themen angesprungen zu werden. Es geht um politisches Engagement, breiteste kulturelle und ethnische Verschiedenheiten, geografische Schönheit und das Zelebrieren all der Unterschiede. Ihr Lebensumfeld liefert ihr allerbesten Stoff für ihre Stücke: »Der Mission District, wo ich die meiste Zeit verbringe, ist ein Schmelztiegel von Menschen aus der ganzen Welt. Besonders stark sind hier Philippinos und Latinos vertreten.« Ein Künstlerviertel ist es zudem, »das Aufeinandertreffen all dieser Kulturen hat mich stark beeindruckt. Meine Themen liegen hier sozusagen auf der Straße. Mich inspiriert die physische Schönheit hier. Das Licht. Der Nebel. Die Nähe zum Ozean. All das sind Fetzen für meine Stücke.«

Doch es gibt noch eine weitere Quelle der Inspiration, den originären Beruf der Rupa Marya: Ärztin. Nicht in irgendeiner Klinik ist sie tätig, nein - in der Notaufnahme für legale und illegale Migrantinnen und Migranten am San Francisco General Hospital. »Eine Menge meiner Musik leitet sich aus den verletzlichen Begegnungen mit Patienten ab«, legt sie die Hintergründe vieler Stücke frei, »auch hier bestätigt sich wieder, dass die besten Geschichten eben doch immer noch vom Leben selbst geschrieben werden.« So arbeitet Rupa Marya sechs Monate in der Klinik. Die restliche Zeit verbringt sie auf weltweiten Gastspielreisen.

Größer als jede Stadt

Obwohl Rupa Marya der Stadt, in der sie lebt, faszinierende Seiten abgewinnen kann, denkt sie größer, als jedes städtische Gebilde sein könnte. »Es geht mir beim Nachdenken über Lebensräume, nicht um einen konkreten geografischen Fleck auf dieser Erde«, macht sie deutlich, »um ein Konzept von übergreifender Heimat. Heimat auch in ihrer tiefen und spirituellen Form. Diese Heimat ist unteilbar. Dabei kann es keine Rolle spielen, welche Nationalität, welches Geschlecht, welche Religion oder welchen sozialen Status jemand hat. Gerade als Ärztin sehe ich jeden Tag eine ganz besondere Gleichheit. Jeder Mensch lebt, atmet, wird krank oder stirbt. Jeder.«

Wer so denkt, kann nicht umhin, dies zu reflektieren. So ruft Rupa Marya in »Espero La Luna« zu einer Weltordnung auf, in der Mitgefühl die beherrschende Grundstimmung ist, in der Grenzen obsolet sind und kein Mensch illegal ist. Da ist Rupa Marya ganz bei Woody Guthrie und dessen Stück »Deportees«, das er bereits in den 30er Jahren schrieb. Darin geht es um die Reisen und Leiden mexikanischer Migranten, die damals wie heute auf den kalifornischen Feldern Früchte und Gemüse ernten. Gibt es zu tun, sind sie geduldet, gibt es nicht genug zu tun - weg mit ihnen. Diesen Menschen und denen, die den Versuch, in die USA zu gelangen, nicht überlebt haben, hat Rupa Marya mit dem instrumentalen Stück »La Frontera« ein Denkmal gesetzt.

Neben diesen betont politischen Liedern findet mit »Neruda« auch die pure Poesie Eingang in die neue Platte Este Mundo; ein Gedicht Nerudas hat Marya mit eigenen Zeilen ergänzt: »Neruda hat in meinen Augen die Fähigkeit, wie kein anderer den Lebenswundern mit einer aufrichtigen Dankbarkeit entgegenzutreten.« Wer sich der Musik von Rupa & The April Fishes hingibt, fühlt darin die tiefsten Grundlegungen des Humanismus. Kann Musik mehr leisten?


Aktuelles Album:
Rupa & The April Fishes: Este Mundo (Cumbancha / Exil / Indigo)