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Samstag, 4. Februar 2012

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Tamikrest - Ein Feedback von 500 Jahren E-Mail
Von Eric MandelTamikrest - Ein Feedback von 500 Jahren

Ill Communication

Mit der gleichen Wuschelmähne und einer ähnlich ramponierten Gitarre um den Hals könnte er als dessen Sohn durchgehen. Wir haben uns auf das Abenteuer einer Skype-Konversation eingelassen, und als die ersten Bilder herüberflackern, verstärkt sich der Eindruck. Zusätzlich schaut Ousmane genauso traurig drein, wie seine Songs klingen. Der Grund dafür ist bald klar: Er kann uns nicht hören, und auch seine Stimme kommt mit einem unerwünschten digitalen Dub-Effekt herüber.

Die Konversation besteht folglich eher aus einer Reihe Fehlermeldungen und gestischem Ärger-Management als aus einem wirklichen Informationsaustausch. Aber so viel kriegen wir heraus: »Natürlich ist Ibrahim der wichtigste Einfluss. Er ist mein Idol, seit ich Musik mache!« Tinariwen-Songs hörte Ousmane seit seiner Kindheit, die Erfahrung machte ihn über kurz oder lang zum Gitarristen. Die erste Gitarre bekam er von seiner Schule in Tinza übereignet, um die Schulfeiern musikalisch zu begleiten. »Aber ich habe sie seitdem nicht mehr aus der Hand gegeben«, erzählt er.

Rebel Music

Dass Ousmane in der Schule eine solche »Ausbildung« erfahren konnte, macht ihn unter Tuareg zu einer privilegierten Ausnahme – die Schule Les enfants de l’Adrar von Tinzawaten entstand auf Betreiben der Tuareg-Elite und wird aus europäischen Stiftungen finanziert. Dass junge Tuareg in gewöhnlichen Schulen diskriminiert werden und ihnen der Zugang zu Bildung und Ressourcen verwehrt bleibt, gehört zu den Dauerthemen der Rebellionen, die seit der Unabhängigkeit gegen die Regierung in Bamako ausbrechen. Dahinter steht die Maximalforderung nach Autonomie. Die nomadischen Tuareg bilden Minderheiten auf verschiedenen Staatsterritorien und fühlen sich von keiner Regierung repräsentiert - oder auch nur korrekt behandelt.

Die ältesten Mitglieder von Tinariwen sind Veteranen der Unruhen der Neunziger. Tamikrest sind Verweigerer der jüngsten Revolte, die 2006 begann und sich schnell zum aussichtslosen Zweitfrontenkrieg gegen die Armeen von Mali und Nigeria auswuchs, der bis heute nicht weiter als zu einem labilen Waffenstillstand gelöst wurde. Ousmane und sein musikalischer Vertrauter aus der Schule, Cheikh Ag Tiglia, gingen zunächst ins ruhigere Kidal, um weiter Musik zu machen. Als die Rebellion die Stadt erreichte, schlossen sie sich nicht den Rebellen an. »Meine Waffe ist nicht das Gewehr, sondern die Gitarre«, beharrt Ousmane, wie es auch sein Idol Ibrahim hätte ausdrücken können. Wie er hatte Ousmane zu diesem Zeitpunkt eine komplette Band beisammen.

Dirt Music

Ousmane redet mit demselben Respekt von Ali Farka Touré wie von Ibrahim oder Bob Marley; ihm geht es nicht um musikalisch-rebellischen Vatermord, und seine oppositionellen Energien finden genug Futter in den herrschenden Verhältnissen. Insofern stehen Tinariwen und ihr »Jünger« von Tamikrest für inhaltliche wie soundtechnische Kontinuität. »Sie werden immer mit Tinariwen verglichen werden«, prophezeit Chris Eckman, Mitglied der Walkabouts und von Dirtmusic, der die Band beim Festival du Desert 2007 kennen gelernt hatte. »Aber die beiden Bands klingen sicherlich nicht gleich. Sicher, sie stammen aus dem gleichen Genre, aber zu sagen, sie klängen gleich, wäre wie zu sagen, Muddy Waters klänge wie John Lee Hooker, oder Sonic Youth genau wie Pavement.«

Auf Einladung von Dirtmusic gingen Tamikrest schließlich nach Bamako ins Studio, um dort – im Abstand von 6 Monaten - an zwei Alben zu arbeiten: zunächst einer Kooperation zwischen Dirtmusic und Tamikrest, die sich auf dem neuen Dirtmusic-Album BKO findet, wobei Letztere eher als »Backing Band« fungieren. Außerdem einigte man sich darauf, ein reines Tamikrest-Debüt zu produzieren, wobei die Dirtmusiker Gastrollen übernahmen: Hugo Race an der Slide-Gitarre, Chris Eckman als Produzent. »Dass ich als Produzent gebucht wurde«, vermutet Eckman, »liegt daran, dass sie mir vertrauten, nachdem wir gemeinsam an BKO gearbeitet haben. Und dass sie auf diesem Album dabei waren, hat ihnen natürlich geholfen, einen Vertrag für Adagh zu bekommen.«

Desert Music

Adagh, das Tamikrest-Debütalbum, ist ein ruhiges Album. Die Gitarren dominieren, angetrieben von allgegenwärtigen Percussions, den Co-Vocals der weiblichen Bandmitglieder und dem mit leiser Resignation vorgetragenen Gesang. Elektrifizierte Wüstenmusik, geprägt von den Einflüssen, denen Tamikrest während ihrer Lehrjahre ausgesetzt waren: Mali-Blues und Tinariwen, sicherlich, aber auch ältere, prä-elektrische Musiktraditionen der Tuareg-Nomaden, die sich in den Melodien niederschlagen. Und auch Ousmanes Favoriten Bob Marley, Dire Straits und Led Zeppelin schimmern durch die Klangschichten, gestützt durch respektvollen Studiomodernismus von Dirtmusic. Ein mehrfach gebrochenes Feedback, das eine Geschichte fortschreibt, die vom präkolonialen Kaiserreich Mali in die amerikanische Diaspora, von dort in die UK-Charts der 70er und 80er und zurück in die Sahara führt – ein Feedback von mehr als 500 Jahren. Selbst die Texte sind von einer überhistorischen Melancholie, die, von ein paar verräterischen Gegenwartsbezügen abgesehen, auch aus alter Zeit stammen könnten.

»Oh Herr, der du alles siehst, der Stärke und Macht hat, hilf dem Tuareg«, heißt es im ersten Song. »Seit Anbeginn der Zeit lebt er in einem unfruchtbaren Land, mittellos. Er sieht die Welt an sich vorbeiziehen, doch er bleibt gefangen in der Ignoranz.«

Andere Songs stellen ähnlich zeitlose Fragen – nach der Wahrheit, nach Freiheit, nach Frieden. Zeit vergeht in der Wüste in einem anderen Tempo als in den durchgetakteten Metropolen Europas. Manche Dinge ändern sich im Schneckentempo, andere bleiben, wie sie sind. Tamikrest sind die jüngsten Stimmen in diesem alten Lied, die New Wave des Tamashek-Blues.


Aktuelle Alben:
Tamikrest: Adagh (Glitterhouse / Indigo)
Dirtmusic: BKO (Glitterhouse / Indigo)