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Tony Allen - Unersättlich unersetzlich |
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Von Eric Mandel
Im Holiday Inn Berlin Mitte etwa mit seinem Westberliner Behördencharme, ein früheres Jugendgästehaus, gelegen am Gesundbrunnen (in Berlin die »Plumpe« genannt), Heimat von Hertha BSC, Herz und Nieren des Wedding. Der Ausblick aus Allens Hotelzimmerfenster ist prosaisch, aber der Nigerianer, just auf der Durchreise von Norwegen nach Algerien, hält sich kaum damit auf. Er hält Audienz bei einer Plastikflasche Whisky und einem in trendy transparentes Celluloseblättchen geschlagenen Spliff. Er kommt kaum dazu, daran zu ziehen, denn er ist definitiv in Plauderlaune.
Eric Mandel: Wer ist dieser Secret Agent?
Tony Allen: Ein Geheimagent, ein bad guy. Er weiß viel über dich, er mag sogar dein bester Freund sein, du vertraust ihm. Aber am Ende findest du heraus, dass alles Negative, das dir passiert ist, von ihm kommt.
Eric Mandel: Ein backstabber [engl., dt. etwa: bezahlter Verräter].
Tony Allen: Du sagst es! Da, wo ich herkomme, sind wir sehr offen. Das kann Vorteile haben, aber man weiß es nicht und muss es drauf ankommen lassen. Ich spreche da aus Erfahrung. Diese Person kann jeder sein. Aber nicht auf der musikalischen Seite meines Lebens, ich vertraue meinen Leuten. Musikalische Freundschaft ist anders als normale Freundschaft.
Eric Mandel: Auf Secret Agent gibt es einen wichtigen Mann mit dem lustigen Namen Fixi.
Tony Allen: (lacht) Er ist ein Fixer - wegen der Rolle, die er in meinem Leben spielt. Er ist der Einzige, der mich besser kennt als ich mich selbst. Vor sieben Jahren, da war er sehr jung, hat er das erste Mal für mich gespielt. Er glaubt an mich, und deswegen habe ich ihn als meinen Bruder angenommen. Immer, wenn ich Musik mache, ist er da. Während wir die Drums programmierten, spielte er alles andere ein, Bass, Gitarre, Bläser. Er ist auch mein Keyboarder und hat eigene Bands, gute Musiker, eine französische Rockgruppe. Wenn er mit denen beschäftigt ist, sieht er zu, dass er jemanden für mich findet, der alles genau so spielen kann wie er selbst. Deswegen habe ich ihm eine prominente Rolle in meiner Band gegeben.
Wenn der Kuchen gebacken ist
Eric Mandel: Du hast mal gesagt: »Fela schrieb wie ein Sänger, ich schreibe wie ein Drummer.« Die Trommeln kommen zuerst.
Tony Allen: Das ist das Fundament - die Bassdrum. Die erste Herausforderung ist die Schlagzeugfigur. Mir fallen ständig neue Muster ein, ich schreibe sie immer selbst [macht tappende Bewegungen mit den Fingern] und gebe sie in die Rhythmus-Maschine ein. Erst dann gehe ich ans Schlagzeug und beginne zu spielen, ihm einen Groove zu geben, denn ohne Groove ist es nur eine Folge von Schlägen. Nun muss ich an den Bassisten denken, schreibe also eine Basslinie, die der Herausforderung an mich entspricht! Kein Problem, mein Bassist kann alles spielen. Dann denke ich über das Thema des Stückes nach und suche jemanden, der das ausarbeiten kann, denn das Thema ist ein Schlüssel. Deswegen gehe ich zurück nach Nigeria, denn ich kenne meine Leute, ihr Talent. Diese Leute sind instant composers. Songs über Feuerzeuge? Kein Problem, sie machen das an Ort und Stelle, sie verflüssigen die Sprache regelrecht. Sie haben so viel Talent, jemand muss sie ans Licht holen.
Eric Mandel: Das war es, was du auf Lagos No Shaking (2006) gemacht hast.
Tony Allen: Genau. Einige Musiker kamen aus Europa, der überwiegende Rest aus Nigeria. Auf meiner aktuellen Platte ist das Verhältnis ungefähr 1:1.
Eric Mandel: Black Voices (1999) und Home Cooking (2002) waren eher europäische Projekte mit Doctor L. [freistilistischer Multiinstrumentalist, DJ, Remixer und Producer für u.a. Gang Starr, Les Negresses Vertes, James Blood Ulmer] und Ty [britischer HipHopper mit nigerianischen Wurzeln].
Tony Allen: Genau. Zu dieser Zeit habe ich nach jeder Musik gegriffen, past or present, mit der Afrobeat es aufnehmen kann. So entstand Home Cooking, da ist alles Mögliche passiert. Ich habe experimentiert. Home Cooking ist das Ding, das ich jedem um die Ohren haue, der mich herausfordert: Siehst du? Was soll ich noch machen? Ich hab schon alles probiert! Jetzt bin ich dorthin gegangen, wo ich herkomme - ist doch kein Verbrechen. Trotzdem will ich fair sein, dem Rechnung tragen, dass ich in Europa lebe und mit europäischen Musikern arbeite, dass aber auch Nigerianer dabei sind, wenn ich in Europa spiele. Wenn der Kuchen gebacken ist, soll jeder sein Stück bekommen.
Ulcus ventriculi
Eric Mandel: Wie gefallen dir die Afro-Revival-Bands?
Tony Allen: Ich finde das cool. Sie lassen diese Musik sich weiterentwickeln. Wer sagt, dass Afrobeat nur von Nigerianern gespielt werden soll? Als es Reggae aufkam, wurde der ja auch von jedem gespielt. Auch Nigerianer haben Millionen damit verdient (lacht). Und genau so sollte es mit Afrobeat sein. Wenn ich weiße Jungs sehe, die Afrobeat spielen, gehe ich backstage, um ihnen Komplimente zu machen. Ich habe welche in Japan gesehen - ich konnte es nicht glauben. Und HipHopper sind auch überall. Wenn du heute nach Lagos gehst, da ist überall HipHop, die Musik und die Klamotten. Diese Kids wissen nicht mal, dass es Afrobeat gibt. Sie kennen Fela nicht! Immerhin kennen sie Seun [Kuti, Fela Kutis jüngster Sohn]! Dann kannst du ihnen die Geschichte erklären, und sie staunen. Ha!
Eric Mandel: Sind denn die Leute, mit denen du arbeitest, aus einer älteren Generation?
Tony Allen: Einige. Aber alle, mit denen ich arbeite, sind mit dieser Musik aufgewachsen. Jeder war in Verbindung mit einem der Gründerväter des Afrobeat. Ein paar Tage lang höre ich sie mir an, bei Auditions z.B., sage, sie sollen nächste Woche wiederkommen ... oder nächstes Jahr (lacht).
Eric Mandel: Noch ein junger Freund: Damon Albarn [Sänger und Kopf von Blur].
Tony Allen: Damon Albarn ist ein Freund und ein Genie - ein genius white boy ... naja, white man mittlerweile. Sein Blick auf die Dinge ist anders als der anderer Leute, und das ist die Sorte Mensch, mit der ich gerne arbeite. Ich arbeite schon so lange ihm. The Good, the Bad And the Queen [Album des gleichnamigen Bandprojektes mit Albarn, Allen, The-Verve-Gitarrist Simon Tong und Ex-Clash-Bassist Paul Simonon, 2007] - ich liebe das Album, weil ich darüber staune, wie ich mit dieser Musik umgehe. Ich stelle mich gerne Damons Ideen, ich kämpfe mit ihnen, ändere etwas... Er gibt mir Gelegenheit, zu forschen, und das mag ich.
Eric Mandel: Wird der Africa Express [von Albarn initiiertes britisch-afrikanisches Musikerprojekt, seit 2006] weitergehen?
Tony Allen: Ja, jedes Jahr. Eine schöne Sache, weil jeder mit jedem spielen kann. Du spielst zwei Songs, und schon kommen Leute auf die Bühne und steigen ein. Dafür ist es da. Es begann mit Mali. Ich war dabei in Glastonbury, dann Kongo, Liverpool, das letzte war in Lagos, nächste Station ist Paris.
Eric Mandel: Du lebst in Paris, aber arbeitest oft in London. Kannst du dir vorstellen, dort zu leben?
Tony Allen: Hab ich schon. Aber ich brauche etwas Freiraum, viele Leute wollen was von mir, es ist so hektisch. Ich will sie alle treffen, aber dann, wenn ICH es will. Ich brauche einen neutralen Ort, und das ist Paris. London ist dagegen wie Lagos!
Als das Interview beendet, das Aufnahmegerät aus ist, beginnt die Geschichtsstunde. Sie wuchert in alle möglichen Richtungen - Eltern, Frauen, die Lehr-DVD für white kids, die den Afrobeat spielen wollen u.v.a. -, kehrt aber immer wieder zurück zu einem bestimmten Abend noch vor der Geburt von Fela Kutis Band Africa 70. Tony, mit Magengeschwür im Bett, schickte seinen Ersatzmann zu Kuti – als Kuti mitten in der Nacht vor der Tür stand und meinte, das mit dem Ersatzdrummer wäre nicht so gut gelaufen - und Tony hätte nun eine halbe Stunde, um auf die Bühne zu kommen. Seit damals, vor mehr als 40 Jahren, ist der Allen unersetzlich. Schon ein paar Takte von Secret Agent reichen, um zu verstehen, warum. Obwohl die Musik geradezu musealen Afrobeat zelebriert, ist da ein groovendes Rückgrat, das dem ganzen Orchester seine Magie verleiht, entspannt und gleichzeitig treibender, als ein Reggae-, Funk- oder Rockbeat je sein konnte. Personality, inkarniert durch einen kleinen Herren mit Mütze und breitem Lächeln. Möge er noch lange die Zauberstöcke schwingen.
Aktuelles Album:
Tony Allen: Secret Agent (World Circuit / Indigo)
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